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Kernenergie in den Niederlanden "Windmühlen helfen uns nicht weiter"

Die neu entfachte Atomdebatte stößt in den Niederlanden auf Unverständnis. Das Land will trotz der Katastrophe in Japan die Kernenergie ausbauen - ein neues AKW könnte schon bald direkt an der deutschen Grenze stehen.

Ein Anti-Atomkraft-Aufstand muss nicht laut sein. Statt Trommeln und Transparenten, lauten Schlachtrufen und schwarz-gelben Ansteckern setzten die Demonstranten im niederländischen Middelburg auf mahnendes Schweigen. In Middelburg, der Stadt im Süden des Landes, fand jetzt die einzige Anti-Atomkraft-Demonstration in Holland statt. Mit einem Schweigemarsch erinnerten rund 300 Menschen an die Opfer in Japan - und wollten gleichzeitig ein Zeichen gegen Kernenergie setzen.

Middelburg ist der Sitz des Energie-Konzern Delta, nur ein paar Kilometer weiter betreibt das Unternehmen das Atomkraftwerk Borssele. Es ist das einzige Kernkraftwerk, das derzeit in den Niederlanden am Netz ist. Das soll sich ändern, geht es nach den Stromkonzernen und der Regierung. Neue Kernkraftwerke sind in Holland in Planung, drei Standorte sind dafür im Gespräch - einer liegt direkt an der deutschen Grenze.

An dieser Grenze prallen auch die Meinungen aufeinander: Von der Diskussion in Deutschland um den Atom-Ausstieg lässt sich die Regierung in Den Haag nicht beeindrucken. Der zuständige Wirtschaftsminister Maxime Verhagen erklärte, es gebe keinen Grund, den Kurs der Regierung zu ändern oder einen Anlass, dem Beispiel Deutschlands zu folgen.

Deutsches Moratorium "emotional getrieben und unnötig"

Der niederländische Europa-Parlamentarier Lambert van Nistelrooij von der christ-demokratischen CDA nennt das deutsche Moratorium "emotional getrieben und unnötig". Der Wissenschaftsjournalist Karel Knip bezeichnet es in der Tageszeitung "NRC Handelsblad" als politischen Aktionismus und eine Überreaktion. Es gebe keinen einzigen Grund für das Abschalten der sieben deutschen AKW, schreibt Knip. "Es ist absolut unverständlich, das zu tun, weil es ein falsches Zeichen an die Bevölkerung sendet und auch Europa schadet."

Ähnlich argumentiert auch Annemarie Turtelboom, die Wirtschaftsministerin im Nachbarland Belgien: "Wenn jedes Land wie Angela Merkel entscheidet, bekommt Europa ein Energie-Problem." Über so etwas könne man nicht "leichtsinnig und unilateral" entscheiden.

Um die Stromversorgung in Zukunft zu gewährleisten, setzen die Niederlande auf Kernenergie. So soll in Borssele mindestens ein neuer Reaktor entstehen und bis zu 2500 Megawatt Strom liefern. 2015 soll nach den Plänen des Konzerns Delta mit den Bauarbeiten begonnen werden. Drei Jahre später soll der neue Block ans Netz gehen. Das Unternehmen will nach eigenen Angaben in diesem Jahr noch die Baugenehmigung einholen.

Hollands Stromverbrauch wächst

Darüber entscheidet das Parlament in Den Haag. Seit Ende 2010 ist die rechts-liberale Koalition unter Premier Mark Rutte an der Macht - und seither gibt es in den Niederlanden nach Jahrzehnten auch wieder eine politische Mehrheit für Kernenergie. Zwar regiert Rutte mit einer Minderheitsregierung das Land, die rechte Partei von Geert Wilders unterstützt allerdings die Pläne für AKW-Neubauten.

Die Regierung hat die Maasvlakte bei Rotterdam und Eemshaven als weitere mögliche Standorte für Atomkraftwerke ins Gespräch gebracht. Die Rotterdam-Variante gilt allerdings als eher unwahrscheinlich. Ganz anders der Eemshaven, der ganz im Norden der Niederlande an der Ems-Mündung liegt. Rund zehn Kilometer sind es von dort zur deutschen Grenze, rund 20 Kilometer bis nach Emden. In dem niederländischen Seehafengelände werden bereits mehrere Kohlekraftwerke gebaut. Warum also nicht auch ein Kernkraftwerk? Der Stromverbrauch wachse überall, rechtfertigt sich Harm Post von Groningen Seaports, der Eemshaven-Betreibergesellschaft. "Ich mag Windmühlen, je mehr je besser", sagt er, "aber Windmühlen allein helfen uns nicht weiter."

Der Energiekonzern Electrabel hat sich bereits genügend Fläche im Eemshaven gesichert. Dieser Platz, so Wirtschaftsminister Verhagen in einer Antwort auf eine Parlamentsanfrage, dürfe nicht anderweitig verwendet werden, sondern müsse für einen Reaktor freigehalten werden. Electrabel sei bereits auf die Verantwortlichen zugekommen mit Überlegungen und Plänen für ein Kernkraftwerk im Eemshaven, bestätigte ein Lokalpolitiker. Der Konzern will sich zum Thema nicht äußern.

Bei Opposition und Kernkraftgegnern ist es bisher dennoch weitgehend ruhig. Jahrzehntelang ging man in Holland davon aus, dass die Atomkraft ein Auslaufmodell sei. Es werde jetzt eine Weile dauern, bis die Debatte wieder in Gang komme, sagt Parlamentsmitglied Liesbeth van Tongeren von GroenLinks, den oppositionellen Grünen. "Aber die Diskussion wird mit Sicherheit kommen."

In Middelburg ging die einzige Anti-Atomkraft-Demonstration der Niederlande so ruhig zu Ende, wie sie begonnen hatte. Die schweigenden Demonstranten übergaben dem Vorstandsvorsitzenden von Delta eine Erklärung, in der sie sich gegen den Bau neuer Kernkraftwerke aussprechen. Ob sie erfolgreich waren? Der Konzern-Chef Ad Louter stellte sich vor die Menge, bedankte sich und sagte: "Wir sind davon überzeugt, das Kernenergie ein wichtiger Pfeiler in der Stromversorgung bleibt."

Author: 
Benjamin Dürr

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