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Muss die Stadt Pripjat erhalten werden?:

Man muss weitermachen... Interview mit Antje Hilliges und Iryna Vachidova zu ihrem neuen Buch "Der Tag an dem die Wolke kam"

Als es in Tschernobyl zum GAU kommt, leben Irina und Wladimir Wachidowa mit ihren beiden kleinen Töchtern in Pripjat, nur drei Kilometer vom Reaktor entfernt. Im Interview berichtet Irina vom Überleben der Katastrophe, die ihr Leben veränderte.

Frau Wachidowa, vor der Arbeit an dem Buch haben Sie gesagt, das sei "vielleicht ein Weg, damit wir nicht vergessen werden". Glauben Sie, dass die Welt aus Tschernobyl etwas gelernt hat?
Wachidowa: Ich glaube schon, dass die Menschen etwas aus dieser Katastrophe gelernt haben und die Welt auf dem Sektor der Kernenergie sicherer geworden ist. In der Ukraine fehlen aber leider die finanziellen Mittel, um die Sicherheitsstandards auf Weltniveau zu erfüllen.

Nach der Evakuierung aus Pripjat sind sie fünf Stunden lang durchs Land gefahren worden, ihre Familie wurde dann aber in einem Ort nur 50 Kilometer entfernt untergebracht. "Sie sind mit uns im Kreis gefahren", hat Ihr Mann gesagt. Bei ihren Eltern in Lissitschansk, wo sie einige Zeit später untergekommen sind, mussten Sie wegen der radioaktiven Strahlung alle Kleidungsstücke abgeben und sich die Haare abschneiden, während das bislang niemanden gekümmert hatte. Haben Sie denn den Behörden vertraut?
Wachidowa: Ja, zu Anfang haben wir den Behörden völlig vertraut. Das war man in der Sowjetunion so gewohnt: Die Regierung wusste immer, was sie tat. Als man uns in Lissitschansk unsere Sachen wegnahm, wurde mir klar, dass sie dachten, dass alles verstrahlt worden war - trotz der Evakuierung und der Durchsagen im Radio, dass wir nie in Gefahr gewesen seien. Dann drohte man meinem Mann, ihn als Deserteur zu verhaften, was vollkommen unsinnig war. Da bekam ich Angst, dass die Behörden vielleicht doch nicht wussten, was sie taten. Es war sehr verunsichernd, plötzlich wurde einem der Boden weggezogen, überall gleichzeitig.

Sie berichten von großer Unterstützung während Ihrer Zeit in Lissitschansk. Wie haben die nicht unmittelbar betroffenen Menschen in der Ukraine auf die Katastrophe reagiert, was haben Sie überhaupt davon erfahren?
Wachidowa: Die Menschen, die nicht direkt betroffen waren, wussten nicht viel über den Unfall - nur das, was im Radio und in den Zeitungen kam, und dann, was die Flüchtlinge erzählten, überall, wohin sie kamen. Nachrichten wurden von Menschen weiter getragen, nicht durch Medien, die waren nicht zuverlässig. Aber durch das Unwissen kam es natürlich auch vor, dass Menschen Angst vor uns hatten und dachten, wir waren verstrahlt und ansteckend. Grundsätzlich versuchte man aber, einander zu helfen, auch wenn alle damals wenig hatten.

Bei einem ihrer ersten Gespräche mit Frau Hilliges haben Sie über den GAU gesagt: "Ich glaube nicht, dass wir damit umgehen. Wir machen einfach weiter". Wie findet man nach so einer Katastrophe wieder in die Normalität zurück?
Wachidowa: Ich hatte meine Kinder und meinen Mann, ich konnte doch gar nicht aufgeben! Man steht jeden Morgen auf, und die Kinder sind da, und man muss ihnen Frühstück machen und für sie da sein. Das war ja nicht nur meine Pflicht, sondern gab mir auch sehr viel Kraft. Wir haben für die Zeit gelebt, wenn alles besser würde. Und es wurde ja auch besser. Man denkt nicht immer darüber nach. Man muss doch einfach weiterleben.

Kann man irgendwann mit solchen Ereignissen abschließen?
Wachidowa: Ich glaube, für alle Tschernobylzi (Anm.: So wurden die Betroffenen aus dem Katastrophengebiet genannt) gibt es ein Leben vor der Katastrophe und ein Leben nach der Katastrophe. Tschernobyl war ein Einschnitt in unserem Leben. Man kann mit einem solchen Ereignis nicht abschließen.

Frau Hilliges, zusammen mit Frau Wachidowa machen Sie das Schicksal einer von Tschernobyl unmittelbar betroffenen Familie bekannt. Die Wachidows sind sicher keine typischen Vertreter der Strahlenopfer - vor allem nicht Irinas Mann Wladimir, der an den Behörden gezweifelt und sich erfolgreich Anordnungen und Behandlungen widersetzt hat. Wollten Sie mit Ihrem Buch gezielt Mut machen?
Hilliges: Das würde ich gerne, ja. Der Mensch kann einen unglaublichen Überlebenswillen entwickeln. Ich bewundere die Wachidows sehr: Sie hätten auch aufgeben können, aber sie taten es nicht. Ich verstehe jeden, den Verlust und Leid in einer solchen Situation aufgeben lassen. Wenn man so etwas selbst nicht erlebt hat, kann man nur ahnen, wie schwer es sein muss. Aber jeder Geburtstag, den Wladimir feiert, ist ein Beweis dafür, dass es sich lohnt zu kämpfen, selbst wenn man meint, dass es kaum eine Chance gibt.

Author: 
www.stern.de

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