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Tourismus in Tschernobyl: Mit Leinenschühchen in die Todeszone

"Besuchen Sie Tschernobyl!" In der Ukraine werben Radiostationen für Trips in die radioaktiv verseuchte Sperrzone. Es kommen Extremtouristen, Atomkraft-Fans aus dem Westen - und Besucher aus Japan, die sehen wollen, wie man eine nukleare Apokalypse verwaltet.

Jobs sind rar für Männer Ende 30 in der ländlichen Ukraine, und Jurij Tatartschuk sagt, er sei zu alt, um wählerisch zu sein. Der 38-jährige Fremdenführer hat seine Ringerfigur in Springerstiefel und Armeehose gezwängt. Vor ihm stehen Reisende aus Europa, Asien und Amerika. Tatartschuk verteilt Geigerzähler und wohlmeinende Ratschläge. "Distanz ist der beste Schutz" lautet einer, "Panik ist auch keine Hilfe" ein weiterer.

40 neugierige Augenpaare heften sich auf das T-Shirt, das über seinem Bauch ein wenig spannt. "Save the Planet" steht dort in goldenen Lettern und "Hard Rock Cafe Tschernobyl". Es ist Tatartschuks selbstironischer Kommentar zur touristischen Erschließung der Todeszone um Tschernobyl. Er verdient sein Geld als Reiseleiter im verseuchten Sperrgebiet um den 1986 havarierten Reaktor.

130.000 Menschen flohen 1986, nachdem Reaktor 4 des Wladimir-Iljitsch-Lenin-Kraftwerks am 26. April explodiert war. Tödlicher, radioaktiver Staub legte sich auf Straßen und Häuser, zwei Städte und Dutzende Dörfer mussten die Sowjets deshalb aufgeben, weil radioaktive Stoffe wie Cäsium-137 Boden, Wasser und Luft vergifteten. 25 Jahre später aber setzen Menschen aus aller Herren Länder freiwillig ihren Fuß auf den vergifteten Grund.

"Ich führe ein gefährliches Leben"

Margarita aus Italien hat Leinenschühchen mit Leopardenmuster für den Trip in die Todeszone gewählt und einen pinken Lippenstift. Die Augenbrauen hat sie giftgrün gefärbt, die dunklen Haare blond. "Ich führe ein gefährliches Leben", haucht die Mittzwanzigerin. "All die Farbe in meinen Haaren, das ist doch auch gesundheitsschädlich."

Sie schlendert an einem Riesenrad in der Stadt Pripjat vorbei. Die Sowjets haben es in den achtziger Jahren gebaut, aber es wurde nie eingeweiht, weil das nahe Atomkraftwerk explodierte. Autoscooter und Riesenrad wurden verstrahlt, Pripjat evakuiert. Heute aber erkunden Touristen wie Margarita den Vergnügungspark. Die meisten sind für Atomenergie, sie nennen das "pragmatisch". Die meisten wollen sehen, wie das Leben weitergeht, nach einer nuklearen Apokalypse.

"Tschernobyl", sagt Margarita, "ist der ultimative Kick, solange Nordkorea noch geschlossen ist." 100 Dollar kostet der Tagestrip ins Katastrophengebiet, Mittagessen in der Kraftwerkskantine inklusive. "Besuchen Sie Tschernobyl", werben Radiostationen in der Hauptstadt Kiew. Die Regierung hat angekündigt, die Zahl der Touristen von jährlich 60.000 auf eine Million steigern zu wollen. Seit Fukushima sind die Touren ausgebucht.

Ein klimatisierter Mercedes-Bus bringt die Touristen zum Reaktor, dem Herz der "Zone der Entfremdung", wie das Sperrgebiet offiziell heißt. Im Auto läuft auf modernen Plasmabildschirmen der Film " Die Wahrheit über die Schlacht von Tschernobyl", ein Doku-Drama mit pathetischem Soundtrack und animierten Explosionen wie in einem Hollywood-Streifen. Draußen ziehen verlassene Dörfer vorbei.

Geigerzähler knattern

Henrik Björkman, ein schwedischer Ingenieur, räkelt sich auf einem behaglichen Ledersitz. Sein Land hat schon vor 30 Jahren den Atomausstieg beschlossen, doch die Energiewende hatte eine kurze Halbwertszeit: Inzwischen hat die Regierung das Verbot zum Neubau von Kernkraftwerken gekippt, die Atomkraftbefürworter sind in der Mehrheit, auch nach Fukushima. "I'm quite positive on nuclear power", sagt der Ingenieur. Er habe keine Angst vor Atomenergie, weil es in "Schweden keine Tsunamis und Erdbeben gibt".

Der Bus stoppt vor Reaktorblock 4. Ein schwarzer Sarkophag aus Stahl und Beton ragt schroff in den Himmel. Mehr als eine halbe Million Mann hat Moskau 1986 in Marsch gesetzt, um das nukleare Feuer im Krater des explodierten Kraftwerks zu bändigen. Die Männer brauchten 202 Tage, um die Schutzhülle zu bauen. Die Geigerzähler knattern trotzdem, der Sarkophag hat viele Risse und Löcher.

Tsuyoshi Otake, graumelierte Haare, graue Windjacke, zückt seinen Block und macht sich Notizen. Kollegen schätzen den japanischen Reporter für seine nüchterne Urteilskraft. Als Europa-Korrespondent des Wirtschaftsmagazins "Nikkei Business Publications" bewertet er sonst Gewinnaussichten von Weltkonzernen. Jetzt soll er die Perspektiven seines Heimatlandes analysieren, das sich in eine nukleare Sackgasse manövriert hat. "Objektiv betrachtet", sagt Otake, "kann Japan nicht auf Atomkraft verzichten." Er wird daheim berichten, wie man einen GAU verwaltet, das Beispiel von Tschernobyl könnte nützlich sein bei der Bewältigung der Katastrophe von Fukushima.

7000 Menschen arbeiten noch heute im Sperrgebiet, erklärt Jurij Tatartschuk, der bullige Reiseleiter. Sie halten das alte Kraftwerk in Stand, das erst 2000 vom Netz ging, sichern den Sarkophag und das Sperrgebiet, das doppelt so groß ist wie das Saarland. Tatartschuk wendet sich an den Japaner. Ob Otake trotz der Havarie von Fukushima "noch den Informationen der Regierung vertraut", fragt er. Der Japaner nickt schüchtern. "Regierungen lügen alle", lacht der Ukrainer. "Auch die demokratischen. Japan ist doch demokratisch, oder?"

Verlassene Klassenzimmer, totes Laub

Dann aber wird Tatartschuk abgelenkt: Er muss zwei schwedische Touristen zurückpfeifen. Sie sind beim übermütigen Schießen von Erinnerungsfotos dem Sarkophag zu nahe gekommen. Ein Franzose erkundigt sich bei Otake, ob ihm der Begriff "Déjà-vu" etwas sage.

Am Ortseingangsschild der Stadt Pripjat streicht der Wind durch ein paar verblichene Plastikblumen. Die Messgeräte zeigen das 20fache der normalen Dosis an. Eine blonde Ukrainerin blickt auf ihren Geigerzähler und zeigt sich enttäuscht über die "sehr geringe Strahlung hier". Die radioaktive Belastung sei in manchen Vierteln der Hauptstadt Kiew sogar höher.

Dabei ließ die Katastrophe 1986 in Sichtweite alle Pflanzen verdorren. Noch heute nennt Tatartschuk das Waldstück deshalb den "roten Forst", weil sich das Laub der Bäume damals mitten im Frühling über Nacht verfärbte.

Pripjat war eine sozialistische Mustersiedlung für 50.000 Menschen, von den obersten Stockwerken konnten seine Bürger den ganzen Stolz der Stadt betrachten: den Reaktor. Erst Stunden nach der Explosion wurde Pripjat evakuiert. Heute überwuchern Bäume Häuser und Straßen in diesem modernen Pompeji. In den Klassenzimmern der Schule Nummer 3 liegen noch die Schreibhefte auf den Tischen. "Mein Vaterland ist die UdSSR", kritzelten die Erstklässler vor 25 Jahren in ihre Kladden.

Tsuyoshi Otake läuft still durch die geisterhaften Flure. An den Wänden prangen noch Verse von "großen Heldentaten im Namen des Glücks aller Völker". Sie künden vom unerschütterlichen Fortschrittsoptimismus der Sowjetunion. Im dritten Stock aber liegen zwischen Büchern und Spielzeug Hunderte Gasmasken auf dem Boden. Sie sind so klein, dass sie nur Grundschüler über den Kopf ziehen konnten.

"Ich mache mir Sorgen um Fukushima", sagt Tsuyoshi Otake.

Author: 
Benjamin Bidder

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