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Muss die Stadt Pripjat erhalten werden?:

Wo ein Kätzchen zum Todfeind wird

Nichts anfassen, nichts abstellen, nicht anlehnen: Der Regisseur Marcus Schwenzel hat in Tschernobyl seinen Kurzfilm "Seven Years of Winter" gedreht. Die Sperrzone erlebte er als umgekehrten Schöpfungsort, in dem alles, was lebt, den Tod in sich trägt. Er kam als neuer Mensch zurück.

Tschernobyl ist ein Paradies. In den letzten 25 Jahren hat sich die Zone um den zerstörten Reaktor in einen einzigen Naturschutzpark verwandelt. Die Tiere haben die Zone als Rückzugsgebiet für sich entdeckt, denn hier sind sie vor den Menschen sicher. Niemand jagt sie, niemand will ihr Fleisch essen.

Mittlerweile haben sie ihre natürliche Angst vor dem Menschen verloren. Pferde, Vögel, Wölfe, Hunde und Katzen sind von sich aus handzahm geworden. Auf YouTube findet man einen Clip, in dem eine amerikanische Tschernobyl-Touristin einen Hund mit einem Stück Brot anlocken will: "Come, come!" Der Hund ist ein Wolf.

Eine ganze Herde wilder Przewalski-Pferde lebt inzwischen in der Zone. Ab und zu verirren sich ein paar von ihnen in die Straßen von Pripjat, eine menschenleere Stadt nahe dem Reaktor, deren Gebäude verfallen sind. Es sind Bilder, die man nie wieder vergisst: Pferde ohne Reiter in einer Apokalypse.

Privat hätte ich die Zone niemals betreten

Vor anderthalb Jahren fing ich an, das Drehbuch für meinen Kurzfilm "Seven Years of Winter" zu schreiben. Ein einfaches Gleichnis, die Geschichte des zehnjährigen Andrej, der 1992 in die Sperrzone um Tschernobyl geschickt wird, um in Pripjat für seinen vermeintlichen Bruder Artjom zu plündern.

Andrej geht gern in die Zone, denn hier muss er keine Angst haben, weil es hier keine Menschen gibt. Nur an diesem Ort können seine seelischen Wunden heilen. Er ist auf der Suche nach dem fehlenden Puzzleteil seiner eigenen Geschichte. Er weiß vieles, doch er begreift nicht, dass es dieser Ort nicht gut mit ihm meint.

Mit einem 30-köpfigen Team aus Russland, Deutschland und Kolumbien haben wir den Film im März in der Ukraine gedreht, in Kiew und Umgebung, zwölf Tage lang - einen Tag lang in der Zone. Am 13. März waren wir fertig. Zu diesem Zeitpunkt war die Lage im japanischen Kernkraftwerk Fukushima bereits außer Kontrolle geraten.

Als ich zum ersten Mal nach Tschernobyl kam, im Sommer 2009, war ich mir bis kurz vor Erreichen der Zone nicht sicher, ob ich mich wirklich dazu durchringen könnte, sie zu betreten. Man kann dort geführte Bustouren unternehmen, es kostet ein paar Euro pro Person. Privat wäre ich niemals reingegangen, aber unseren Film konnten wir nur dort drehen, nirgendwo sonst.

Als Tourist mit dem Bus zum Sarkophag

Ich hatte erwartet, alles aus sicherer Entfernung zu sehen und war sehr irritiert, dass der Führer sofort das Fenster des Busses aufriss, mit dem wir durch die Zone fuhren. Er hielt den Geigerzähler raus, als wäre das ein ganz besonderer Kick. Dann ließ er uns direkt vor dem havarierten Reaktor aussteigen, vor dem Sarkophag.

Mit uns auf der Bustour durch die Zone waren ein paar junge Leute, die Miniröcke und Sandalen trugen. Das waren Fans des Computerspiels "Stalker". Es ist ein Ego-Shooter-Spiel, bei dem sich verschiedene Parteien in der kontaminierten Zone von Tschernobyl bekämpfen. Allein die erste Version, die 2007 auf den Markt kam, wurde weltweit mehr als zwei Millionen Mal verkauft.

Diese Computer-Kids wollten sich nun endlich mal anschauen, wie es dort wirklich aussieht. Sie waren zwischen 18 und Mitte 20, kamen aus allen Teilen der Welt, von Madrid bis San Francisco. Sie suchten den Kick, wollten sich fühlen wie die letzten Menschen auf Erden.

Die Zone ist ein eigenartiger Ort. Die Stadt Pripjat, die vor der Katastrophe von 40.000 Menschen bewohnt wurde, erinnert an einen Friedhof. Nach der Katastrophe wurde die Zone in kürzester Zeit ausgeplündert. Alles, was Wert hatte, wurde herausgeschafft. Wie das geschah und organisiert wurde? Keiner weiß es.

Was blieb, waren die Kuscheltiere

Kühlschränke, Fernseher, Automotoren, Gebrauchsgegenstände jeder Art wurden in den Monaten und Jahren nach dem Unglück mitgenommen - in der untergehenden Sowjetunion kämpften die Menschen ums nackte Überleben. Niemand weiß, wo diese Gegenstände heute stehen und ihre neuen Besitzer verstrahlen.

Was blieb, waren Puppen und Kuscheltiere, überall liegen sie noch heute auf den Straßen und in den Wohnungen von Pripjat herum. Sie erinnern schmerzhaft an eine Zeit vor der Katastrophe. Keiner hat sie mitgenommen, ebenso wenig wie die Schulhefte und Bücher, die man an allen Ecken findet.

Es leben wieder Menschen in der Zone, wer älter als 80 ist, darf dorthin zurückkehren. Einmal pro Woche gibt es Lebensmittel. Ansonsten arbeiten hier rund 2000 Menschen. Die meisten von ihnen wohnen in der Stadt Slawutitsch, direkt an der Grenze zu Weißrussland. Sie werden jeden Tagen mit Zügen in die Zone gefahren.

Die Blocks des Kraftwerks müssen ständig gewartet werden, viele der Brennstäbe befinden sich noch in den Reaktoren. Die Leute arbeiten nur vier Tage pro Woche, wegen der Strahlung, bekommen aber ein höheres Gehalt. Sie sind zufrieden. Es gibt auch eine Firma, die alle verstrahlten Gegenstände reinigt. Das ist hier ein Wirtschaftsfaktor.

Wo darf man hintreten? Wo nicht?

Vor der Abreise war die Angst im Team groß. Wir wollten zwar nur einen Tag in der Zone drehen, aber dennoch waren wir alle sehr unsicher. Ich habe jedem die Entscheidung selbst überlassen. Jeder sollte sich selbst informieren und dann entscheiden. Am Ende waren alle dabei, wenn auch voller Angst.

Eduardo, mein Kameramann, und David, ein befreundeter Regisseur, der mir helfen wollte, entschlossen sich, vor der Abreise Samen zu spenden. Betty, unsere Ausstatterin, hat sich nicht getraut, in der Zone pinkeln zu gehen. Sie hat im Bus in einen Pappbecher Wasser gelassen. Jeder geht mit seiner Angst anders um.

Während des Drehs in der Zone war immer jemand dabei, der uns gesagt hat, wo wir hintreten können und wo nicht. Man muss aufpassen, dass man sich nirgendwo festhält, anlehnt, etwas absetzt. Man lernt, einen großen Bogen zu machen um all das, was man sonst so liebt: Bäume, Blätter, Gras werden zu Feinden.

Gefahren lauern auf Schritt und Tritt. Moos ist zum Beispiel sehr gefährlich! Es zieht die Strahlung aus dem Boden und ist hochgradig belastet. Überall sind kleine Hot Spots. Man darf nicht mal drauftreten, da springt die Nadel des Geigerzählers sofort in den Alarmbereich. Man konzentriert sich nur noch auf Moos.

Alles, was hier lebt, trägt den Tod in sich
Es gibt in der Zone ein Restaurant, in dem man angeblich gesundes Essen bekommt. Da streunen ständig rund 30 Katzen herum. Sie schnurren, sie streichen um deine Beine herum, sie wollen gestreichelt werden. Tu das bloß nicht, warte, bis sie gehen! Die Zone ist ein umgekehrter Schöpfungsort. Alles, was dort lebt, trägt den Tod in sich.

Im Kühlwasserbecken schwimmen zwei Meter große Welse. Sie kommen jeden Tag zur gleichen Zeit unter eine Brücke, auf der die Reaktorarbeiter ihre Mittagspause machen. Von denen werden sie gefüttert. Du darfst das Geländer der Brücke nicht anfassen, denn es ist schwer verstrahlt. Und dann kommt ein Spatz angeflogen, landet mitten auf dem Geländer und zwitschert fröhlich vor sich hin!

Du hast keine Lust, dort zu drehen, keine. Du kannst niemals vergessen, wo du bist, egal, wie sehr du dich konzentrierst. Du arbeitest wie eine Maschine und willst nur noch raus. Jedes Bild musst du diesem Ort abringen. Jeder im Team ist extrem angespannt, jeder kann sofort explodieren. Da muss man sich gut im Griff haben.

Ich bilde mir ein, dass man die Radioaktivität spüren kann. Dem ganzen Filmteam ging es so. Der Kopf fühlt sich leer und wattig an. Es herrscht eine Art emotionales Vakuum. Man hat das Gefühl, alle Energien werden in einem riesigen unsichtbaren Trichter zum Himmel hin abgesogen. Ein fast spirituelles Erlebnis.

Katastrophe in Japan? Hier will es niemand wahrhaben

Es soll Menschen geben, die süchtig nach Strahlung geworden sind. Strahlenjunkies, je mehr Strahlung, desto besser. Strahlung hat für viele Menschen anscheinend etwas Anziehendes. Uns ging es nicht so. Wir fühlten uns so schmutzig wie noch nie zuvor. Einige Mitglieder des Teams haben nach dem Drehtag alle Klamotten entsorgt, einer hat gleich seinen Pass versehentlich mit weggeschmissen.

Als ich von Fukushima erfuhr, waren wir gerade vom Dreh in der Zone zurück nach Kiew gekommen. Es war ein zunächst sehr irreales, dann sehr erschreckendes Déjà-vu. In meinem Kopf überlagerten sich die Bilder wie bei einer Mehrfachbelichtung: die Aufnahmen, die ich gerade selbst gedreht hatte, mit den alten Nachrichtenbildern aus Tschernobyl und den neuen aus Fukushima.

Ich erzählte sofort allen, was passiert war. Die Reaktionen waren eigenartig. Oft nur ein kurzes Entsetzen, es wirkte fast gespielt. Ich dachte: Ist euch klar, was gerade passiert? Wollt ihr es nicht wahrhaben? Doch was ein GAU bedeutet, hatten sie in solcher Intensität erlebt, dass der Gedanke, am anderen Ende der Welt könnte sich gerade eine ähnliche Katastrophe abspielen, wohl einfach unerträglich war.

Du kommst als anderer Mensch aus Tschernobyl zurück

Jede Nachricht aus Fukushima rief die Erlebnisse in der Zone wieder wach, oft mit überwältigender Wucht. Vor ein paar Tagen war ich hier in Deutschland auf der Autobahn unterwegs und hörte die Nachrichten, da rollte Tschernobyl plötzlich wie eine riesige Welle über mich, ich bekam einen Weinkrampf, musste anhalten. Du nimmst Tschernobyl mit, trägst es in dir.

Tschernobyl krempelt dich komplett um. Du kommst als anderer Mensch wieder raus. Du kommst nach Hause, gehst durch den Wald und bist glücklich. Du darfst die Blätter anfassen, du darfst dich auf den Rasen setzen und denkst: Toll, die Vögel sind ja in Ordnung. Das kommt dir vor wie ein großes Geschenk.

Von Tschernobyl kann man viel über das menschliche Wesen lernen. Darüber, wie der Mensch funktioniert, verdrängt, denkt und handelt und lenkt. Eines habe ich begriffen: Die pure Existenz dieses Ortes lässt einen an der Lernfähigkeit des Menschen zweifeln, vielleicht sogar daran, dass er ein Vernunftwesen ist.

Eine amerikanische Zeitschrift hat die Zone von Tschernobyl unlängst zu einem der 100 verrücktesten Orte auf diesem Planeten erklärt, die man dringend besuchen sollte. Im kommenden Jahr, zur Fußball-Europameisterschaft, soll die Zone für Touristen geöffnet werden, man rechnet mit einer Million Besucher pro Jahr.

Jetzt, nach Fukushima, werden's vielleicht sogar noch ein paar mehr.

Author: 
spiegel.de

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