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Interview mit Tschernobyl-Fotograf Rüdiger Lubricht

Nachfolgend ein Interview mit Rüdiger Lubricht zu diesem Thema, welches mir von der Agentur Literaturtest zur Verfügung gestellt wurde:

Rüdiger Lubricht wurde 1947 in Bremen geboren. Er lebt und arbeitet als freischaffender Fotograf in Worpswede. Von 2001 bis 2002 war er Gastprofessor an der Hochschule für Künste Bremen sowie 2008 Lehrbeauftragter an der Kunstakademie Münster.

Mehr bei fotodesign-lubricht.de

Seit 2003 arbeitet Lubricht an dem Langzeitprojekt „TSCHERNOBYL – Leben mit einer Tragödie“. Er hat bereits sechs Reisen in die kontaminierten Sperrzonen der Ukraine und Weißrusslands unternommen. Dort fotografierte er verlassene Dörfer und Städte, die durch radioaktiv verseuchten Niederschlag auf Dauer unbewohnbar geworden sind. Er war auf der Suche nach den „Alten“ – im Volksmund werden sie als Partisanen bezeichnet –, die nach der Zwangsevakuierung im Jahr 1986 zwischenzeitlich in ihre ehemaligen Dörfer und Häuser zurückgekehrt sind.

Die Fotos von Lubricht wurden bereits in vielen Galerien und Museen Deutschlands und Europas ausgestellt. Sie sind Teil der aktuellen Wanderausstellung des IBB Dortmund.

Wie haben Sie „Tschernobyl“ für sich als Thema entdeckt?
Auf das Thema bin ich durch einen Kontakt zur niedersächsischen Landesstiftung „Kinder von Tschernobyl“ im Jahre 2003 gekommen. Dadurch hatte ich erstmals die Gelegenheit, in die Sperrzone zu reisen.

Können Sie sich noch an Ihre erste Reise und Ihre ersten Eindrücke erinnern? Was hört, riecht, spürt man in den Sperrzonen? Erlebten Sie Veränderungen in der Tier- und Pflanzenwelt?
Die erste Reise in die Sperrzone von Tschernobyl hat einen sehr tiefen und nachhaltigen Eindruck bei mir hinterlassen. Dabei war der Anblick des Sarkophags – auch in dem Bewusstsein, dass er für die Geschichtsschreibung in Europa so bedeutend im negativen Sinne war – nicht so eindrucksvoll und bewegend wie zunächst vermutet. Besonders betroffen war ich durch die Situation in Pripjat, weil mir die Ereignisse, die sich am 26. April 1986 und an den folgenden Tagen dort abgespielt haben, in besonderer Weise vor Augen geführt wurden. Die Bilder, die sich mir in den Räumen der Kindergärten, der Schulen und in den Häusern zeigten, haben mich sehr deprimiert. Sie waren nur schwer zu ertragen. Ich habe diese Erlebnisse anfangs nur schwer verarbeiten können und sie sind mir heute noch vor Augen. Aber auch der Anblick der evakuierten Dörfer und der Kontakt mit den Rückkehrern haben mich sehr betroffen gemacht.

Aus welchen Gebieten stammen Ihre Fotos?
Auf den weiteren Reisen habe ich neben der Sperrzone um Tschernobyl auch in den Sperrzonen Weißrusslands fotografiert. Dort sind es die besonders betroffenen Gebiete Gomel und Mogilow.

Ihre Fotos strahlen eine tief meditative Ruhe aus. Dennoch wirken Sie beklemmend und verstörend. Wie gelingt dieser Effekt?
Die Ruhe und die „dekadente“ Ästhetik in meinen Fotos entsprechen meinem Stil und meiner Auffassung von Dokumentarfotografie. Ich habe auf Filmmaterial fotografiert, mit Mittelformatkameras und mit Großbildkameras. Die Formate bzw. Kameratypen sind an sich schon dafür prädestiniert, ruhiger und bewusster zu arbeiten. Ich habe immer ein Stativ benutzt. Wichtig ist meines Erachtens beim Fotografieren die Beschränkung bzw. Reduktion.

Gerade in Weißrussland sind viele alte Menschen in die verstrahlten Zonen zurückgekehrt. Wie lebt man mit der Radioaktivität und der Vergangenheit? Ist es so, dass die Gefahr einfach ausgeblendet wird?
Die alten Menschen in Weißrussland sind zurückgekehrt oder haben sich geweigert, ihr Dorf zu verlassen. Zwangsevakuierungen wurden 1986 innerhalb der 30-Kilometer-Zone in der Ukraine vorgenommen. Es entspricht wohl offensichtlich der slawischen Mentalität, sich mit Dingen oder Schicksalen abzufinden. Oftmals sagten die Menschen: lieber hier in der Heimat zufrieden und satt, als in der Fremde zu leben. Es werden die Gefahren, an die man sich gewöhnt oder die man verdrängt hat, als Schicksal hingenommen.

Zeitweise arbeiten noch fast 4000 Menschen in den sogenannten „Todeszonen“. Wie gehen die Menschen mit der unmittelbaren Gefahr um?
Die etwa 3800 Menschen, die dort arbeiten, halten sich für privilegiert, da sie eine Arbeit haben, die auch noch gut bezahlt wird. Man muss wissen, dass sich die Region Tschernobyl in einer wirtschaftlich sehr schwierigen Lage befindet, seitdem das AKW abgeschaltet wurde.

Welche Begegnungen sind Ihnen vor allem im Gedächtnis geblieben?
Die Begegnungen mit den „Alten“, die von einer großen Gastfreundlichkeit geprägt war, sind mir stark in der Erinnerung verhaftet. Aber auch die Begegnungen mit den Liquidatoren haben mich sehr berührt. Es ist kaum zu ertragen, wenn sie von ihrem Schicksal erzählen.

Können Sie sich selbst noch an den 26. April 1986 erinnern?
Ich kann mich an die Berichte in den Medien, besonders im Fernsehen erinnern. Auch sind mir „Probleme“ um Milch und die Fluchtgedanken junger Mütter mit ihren Kindern auf Inseln in der Erinnerung.

Haben Sie nicht Angst zu erkranken?
Ich habe 1990 eine schwere Krebserkrankung, bei der mein Magen entfernt werden musste, überlebt. Vielleicht habe ich mich deshalb zu diesem fotografischen Thema hingezogen gefühlt. Ich habe keine Angst; verhalte mich aber dort so, wie man es tun sollte.

Glauben Sie, dass Ihr „Tschernobyl-Projekt“ irgendwann beendet sein wird?
Ich hatte bereits 2006 geglaubt, das Projekt abschließen zu können. Mit meinem neuen Ansatz, das Schicksal der Liquidatoren fotografisch-dokumentarisch zu bearbeiten, bin ich jedoch noch nicht fertig.

Author: 
Michael Mahlke

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