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Direkt hinter der Grenze lauert die Gefahr

Schwarz-Gelb gibt sich plötzlich atomkritisch, nimmt Altmeiler vom Netz. Doch der schnelle Ausstieg schützt Deutschland nicht hundertprozentig vor den Folgen eines möglichen GAUs: Bei den europäischen Nachbarn stehen viele Risikoreaktoren - sie könnten weite Teile der Bundesrepublik verstrahlen.

Hamburg - Gerade mal eine halbe Stunde braucht man mit dem Auto, um von Aachen ins belgische Kernkraftwerk Tihange zu fahren. Nur zwölf Kilometer hinter der Grenze zum Saarland steht die französische Atomanlage Cattenom. Und von Philippsreut im Bayerischen Wald bis zum tschechischen Reaktor Temelin sind es lediglich 70 Kilometer.

Unweit der deutschen Grenzen sind etliche Atomkraftwerke zu finden, viele sind 40 Jahre und länger am Netz. Denn Deutschlands Nachbarn setzen auf die Stromversorgung durch Kernenergie. Auch jetzt, nach der Katastrophe von Fukushima.

Aus vielen grenznahen Kraftwerken wurden der Internationalen Atomenergiebehörde in Wien bereits Störfälle gemeldet, die nach den Kriterien von INES - der internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse - mit 1 oder 2 eingestuft wurden. Der Wert 0 gilt als unbedenklich, 7 als besonders schwerer Fall. Den Atomunfall im japanischen Fukushima schätzten Experten mit der Stufe 5 ein.

Immerhin: Frankreich, Belgien, die Niederlande, Tschechien oder die Schweiz - alle deutschen Nachbarstaaten mit Kernkraftwerken haben nach dem Atomunfall in Fukushima angekündigt, ihre AKW einem Sicherheitscheck zu unterziehen. Doch an einen Ausstieg, wie er in Deutschland diskutiert wird, denkt bisher keines der Länder.

Ganz im Gegenteil. In Frankreich will Staatschef Nicolas Sarkozy einige Reaktoren rund 50 Jahre länger laufen lassen. Die Schweiz hat für einige Anlagen gar unbefristete Betriebsbewilligungen erteilt.

Wo liegen welche Reaktoren? Und wie gefährlich sind sie? Die Karte zeigt eine Übersicht der europäischen AKW im Grenzgebiet zu Deutschland:

Vergangene Woche reagierte Europa auf das Fukushima-Desaster. Die EU-Staaten unterziehen Atomkraftwerke einem Sicherheitstest, kündigte EU-Energiekommissar Günther Oettinger nach einem Treffen mit europäischen Energieministern an. Dabei werde es um die Neubewertung aller Risiken der Anlagen bei Naturkatastrophen wie Erdbeben, Hochwasser oder auch einem Terrorangriff gehen.

Einen konkreten Termin für die Sicherheitschecks gebe es noch nicht. Sie sollten aber im zweiten Halbjahr stattfinden, sobald sich alle über Umfang und Kriterien einig seien. Man werde zum Beispiel Kühlsysteme, aber auch Gefahren durch einen Stromausfall sowie die Notstromsysteme unter die Lupe nehmen. "Das wird Gegenstand einer umfassenden Sicherheitsprüfung mit gemeinsamen Kriterien der EU sein", sagte Oettinger.

Die Debatte um Risiko-AKW jenseits der Grenze ist nicht nur in Deutschland aktuell. Denn auch andere europäische Staaten setzen weiter auf die Stromversorgung durch Atomkraft. Dazu gehören Ungarn, Slowenien, Polen, Rumänien, Bulgarien oder die Slowakei. Vor allem das AKW Krsko in Slowenien halten Atomkraft-Gegner, aber auch Politiker und Wissenschaftler für nicht sicher. Die Anlage befindet sich in einem Erdbebengebiet.

Kritik kommt hier vor allem aus dem Nachbarland Österreich. Beim Bau des AKW habe man sich keinerlei Gedanken über Gefahren durch Erdbeben gemacht, mahnt Greenpeace an. Österreich selbst verzichtet auf eigene Kernkraftwerke. Seit 1981 ist Krsko in Betrieb. Immer wieder werden Störungen an die slowenische Atomsicherheitsbehörde in Ljubljana gemeldet. Nach bisheriger Planung soll der Reaktor bis 2023 am Netz bleiben - eine Verlängerung um weitere 20 Jahre ist nicht ausgeschlossen.

EU-weit sind mehr als 90 Atomkraftwerke am Netz. Einheitliche Sicherheitsstandards gibt es bisher nicht. Nach Angaben der Europäischen Kommission ist die Dichte der Anlagen in Europa weltweit mit am höchsten.

Kommt es zu einem atomaren GAU, sind je nach Windrichtung auch etliche Regionen in Deutschland betroffen. Experten zufolge kann ein Zwischenfall in Frankreich oder Belgien schlimmere Auswirkungen etwa auf das Ruhrgebiet haben als ein Störfall in den deutschen AKW Biblis, Neckarwestheim oder Philippsburg.

Author: 
Tanja Tricarico

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