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Ein Leben in Trümmern

Schon einmal wurde nach einem Super-Gau eine Sperrzone eingerichtet wie jetzt in Fukushima - vor 25 Jahren in Tschernobyl. Besuch in einer von der Zivilisation fast vergessenen Gegend.

Trockenes Heu verwischt den Übergang zwischen Wald und verkratertem Beton, der Wind weht Sträucher und Äste auf die Wege, in die die Witterung gartenteichgroße Schlaglöcher meißelt. Weder Straßenpfosten noch Gräben, weder Müll noch Schilder säumen den Rand dieser Buckelpiste, um die sich seit 25 Jahren niemand mehr kümmert. Nur kurz greift der Mensch in diese Wildnis ein: In einer 90-Grad-Kurve weißen fünf Arbeiter gerade eine Leitplanke - eine bizarre Aufgabe in der Sperrzone von Tschernobyl, inmitten der mit am schlimmsten radioaktiv verseuchten Gegend der Welt.

Geisterstadt Pripjat bei Tschernobyl Der Mensch flüchtet, der Wald kommt

Auch wenige Meter vom Unglückreaktor entfernt kniet eine Handvoll Frauen, um mit einfachen Pinseln die verblasste Farbe einer Bordsteinkante aufzufrischen - als könnte etwas Weiß die unendlichen Folgen der Atomkatastrophe vom 26. April 1986 übertünchen. "Sie hübschen die Gegend für den Präsidenten auf, der bald zu Besuch kommt", sagt Nikolai. Der junge Mann führt durch die verbotene Zone und trägt einen Vollplastikanzug, dessen Tarnfleck auf den ersten Blick an eine Militäruniform erinnert, sich auf den zweiten aber als feines Blumenmuster entpuppt. Nikolai Fomin steht in einem der wenigen funktionstüchtigen Häuser in Tschernobyl, einem einst 14.000-Seelen-Örtchen, das bis zum Super-GAU in Fukushima als Inbegriff der Strahlenhölle galt, und nimmt einen tiefen Zug aus seiner Zigarette.
Essen, Trinken, Rauchen verboten

Er erzählt, was alles verboten ist in dem rund 3000 Quadratkilometer großen Gebiet: Essen, Trinken und Rauchen unter freiem Himmel zum Beispiel. Bewohner und Besucher sind zudem angehalten, sich regelmäßig Hände, Gesicht und Schuhe zu säubern, um möglichst wenig mit dem strahlenden Erbe des zerborstenen Block 4 des Lenin-Kraftwerks in Kontakt zu kommen. Mindestens 11.000 TeraBecquerel an Radioaktivität, so viel wie niemals zuvor, sind damals ausgestoßen worden - darunter Cäsium, Strontium und Plutonium. Das Zeug hat sich rund um den Reaktor auf den Böden niedergelassen. Jeder Windzug, jeder Spatenstich, jedes Tier wirbelt bis heute belastete Staubpartikel auf, die, sollten sie in den Körper gelangen, jahrelang vor sich hinstrahlen.

An Landwirtschaft ist mindestens die nächsten 300 Jahre deshalb nicht zu denken, doch Hanna Sawarotnia schert sich nicht darum. Im Vorraum ihrer Zwei-Zimmer-Hütte im Dörfchen Kupowate lagern Kartoffeln, Zwiebeln und Rote Beete in Weidenkörben - Früchte aus dem heimischen Garten, angebaut nur wenige Kilometer entfernt vom Zentrum der Katastrophe. 78 Jahre alt ist Hanna, sie trägt ein rostrotes Kleid, ihr Kopf ziert ein helles Kopftuch mit Blumenmuster und wenn sie lächelt blitzt ein unterer Schneidezahn goldfarben auf. "Ich spüre keine Strahlung", sagt sie, "ich weiß auch nicht was das ist."
"Heimat lässt sich nicht ersetzen"

Noch am 26. April wurde ihr und den Nachbarn angekündigt, dass sie bald weggebracht würden. Am nächsten Tag standen Autobusse bereit, die sie zu Gastfamilien außerhalb der Sperrzone fuhren. Ein Jahr später kehrte Hanna wieder zurück. Erlaubt war das nicht, aber es wurde geduldet. "Heimat lässt sich nicht ersetzen", sagt sie. Zurück auf ihrem Hof bestellte sie die Böden neu und lebte ihr altes Bauernleben weiter. Nur auf die Kühe musste sie verzichten. Wegen der belasteten Milch, die die Viecher nun gaben, weil sie das belastete Gras aus den belasteten Böden rupften. Jetzt, ein Vierteljahrhundert später, gackern neben den Schweinen die Hühner im Garten und in den Birken stecken wieder Blechecken, über die der Baumsaft in große Einmachgläser tropft. 22 Menschen leben noch in Kupowate - fast ausschließlich Frauen. Einige Männer sind nicht wieder zurückgekehrt, andere in der Fremde gestorben. Hanna ist fest davon überzeugt, dass es Heimweh war, das sie dahingerafft hat.

Rund 170.000 Menschen wurden in anderthalb Wochen aus der 30-Kilometer-Zone geschafft. Viele starben kurz danach an der Überdosis Strahlen, die genaue Zahl kennt bis heute niemand. Andere kehrten schon nach wenigen Wochen in ihre alten Häuser zurück und lebten noch einige Jahre. Die meisten Rückkehrer waren alte Leute, die keine Kraft hatten, in der Fremde neu anzufangen. Und kein Geld, um sich dort das Lebensnotwendige leisten zu können.
Das Grundwasser ist weitgehend trinkbar

Zu Hause aber wartete ihr Häuschen und ein Stück Land, das mit der eigenen Hände Arbeit beackert werden konnte. Immerhin: Das Grundwasser ist von der Radioaktivität weitgehend verschont geblieben. Auch 25 Jahre nach der Explosion des Reaktorblocks halten sich 300, 400 Menschen in der Zone auf diese Weise über Wasser. Bis vor zwei Jahren wurde das dort angebaute Gemüse noch auf Kontamination gemessen, doch dafür hat die ukrainische Regierung kein Geld mehr, oder will es nicht mehr haben. Manchmal kommen bei Hanna Verwandte vorbei, bringen unbedenkliches Essen mit und versuchen die Rückkehrerin zu überreden, diese elende Gegend zu verlassen. Doch Hanna will nicht: "Wenn ich ein Tier wäre, wäre ich schon längst gestorben", sagt sie und versucht dabei tapfer zu lächeln.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Noch immer treiben sich Plünderer in der Geisterstadt herum, und die Behörden sehen Tschernobyl schon als neue Touristenattraktion
Sperrzonen in der Sperrzone

Das eine oder andere Tier schafft es dann aber doch, in dieser unwirtlichen Gegend zu überleben. Am Checkpoint Pripjat etwa tollen zwei Straßenköter vor dem Schlagbaum herum, den ein dunkel uniformierter Wärter bewacht. Innerhalb der Sperrzone gibt es noch einmal besonders gesicherte Ecken. So wie die Geisterstadt Pripjat, rund zwei Kilometer entfernt vom zerborstenen Reaktorblock. 50.000 Menschen haben hier einst gelebt - vor allem Mitarbeiter des Atomkraftwerks und ihre Familien. Der Ort war bei jungen Ingenieuren beliebt, weil hier die Wohnhäuser modern, die Bezahlung gut und die Karrierechancen besser waren als in den meisten anderen Gegenden des damaligen Sowjetreichs.

Seit am 27. April 1986 sämtliche Einwohner aus dem Katastrophengebiet fortgebracht wurden, rottet Pripjat vor sich hin: In den bis zu 16 Stockwerken hohen Wohnsilos löst der Regen Decken und Böden auf, von den Wänden fällt der Putz herunter und vermischt sich mit der Nässe zu einer hochradioaktiven Schlammbrühe. Überall wuchern Bäume Wege und Plätze zu. Oben, auf der Hotelterrasse mit direktem Blick auf den Sarkophag, sprießt eine junge Birke aus dem Plastebelag hervor. Ganze Straßenzüge holt sich der Wald zurück, nur notdürftig werden Wege freigehalten, die etwa die Polizei braucht, um hier regelmäßig zu patrouillieren. Denn noch immer treiben sich Plünderer herum, die in den verlassenen Wohnungen nach irgendetwas Brauchbarem untersuchen.
Der Reiz des Ruinierten

Sie sind nicht die einzigen Menschen, die sich in dieser zerbröselnden Ruinenlandschaft aufhalten. Wenige Meter vom ehemaligen Stadtzentrum entfernt wurde für die 1.Mai-Feier ein kleiner Vergnügungspark errichtet: Ein Riesenrad, ein Karussell und ein Autoscooter sollten die Bewohner zu diesem sozialistischen Feiertag bespaßen. Mittlerweile stehen nur noch deren rostigen Gerippe herum, drum herum liegen Wodkaflaschen, Redbull-Dosen und jede Menge ausgetretener Zigaretten. Nebenan, in einem Gebäude, dessen Zweck kaum noch zu erkennen ist, prangen Graffiti an der Wand: "Ich war hier" steht an den Wänden, oder "Ich liebe Dich". Auch Telefonnummern haben die Besucher hinterlassen. Und einmal ist ein einfaches Datum zu erkennen: "26. April 2009" - der 23. Jahrestag der Atomkatastrophe.

Einige lockt vielleicht der Reiz des Ruinierten in die Speerzone - die meisten Menschen, die hierher kommen, müssen einfach nur arbeiten: Rund 3500 Fachleute sind dabei, die Reste des Atomkraftwerks von Tschernobyl abzuwickeln. Von den ursprünglich sechs geplanten Blöcken auf dem Gelände, wurden zwei nach dem Unglück nicht weitergebaut und die anderen haben noch bis Anfang 2000 Strom produziert - sie befinden sich jetzt in der "Nachbetriebsphase". Die meisten Angestellten leben in Slawutitsch, das in kurzer Zeit als Ersatz für das unbewohnbar gewordene Pripjat hochgezogen wurde. Andere, immerhin auch noch 3500, in Tschernobyl. Der Wind meinte es gut mit der Stadt und blies die Strahlung woanders hin. Deshalb ist die radioaktive Belastung hier nur geringfügig höher ist als in Berlin, Athen oder Lissabon.
Mit den Arbeitern kommen die Touristen

Sie arbeiten als Elektriker, Monteure, Supermarktangestellte, Feuerwehrleute. Diejenigen von ihnen, die die Wälder bewirtschaften, haben den schlimmsten Job von allen: Sie müssen Bäume abholzen, Bäume pflanzen, Sträucher beschneiden, die Natur bändigen, wo es Not tut. Und kommen dabei immer mit dem Boden in Berührung, in dem sich ein großer Teil der Radioaktivität abgelagert hat. Es gibt Ecken wie den Roten Wald, der bis zum Super-GAU von Fukushima als einer der am stärksten verseuchtesten Orte der Welt galt, und wo den Geigerzählern die Messskala ausgeht. Ein paar Hundert Meter weiter, etwa direkt vor dem Reaktor 4 ist die Belastung deutlich geringer. Doch alle, die hier leben, müssen nach zwei Wochen aus Sicherheitsgründen die Sperrzone verlassen. Ihnen folgt die nächste Schicht - und mittlerweile auch die Besuchermassen.

7000 waren es im vergangenen Jahr, die die verbotene Gegend unmittelbar an der Grenze zu Weißrussland besichtigt haben: Nuklearexperten und Journalisten genauso wie Angehörige der Bewohner. Aber auch Touristen. Nach Willen des Katastrophenschutzministers soll Tschernobyl künftig eine "Attraktion" für alle Besucher des Landes werden. Eine Reihe von Reisebüros bietet Trips in die postnukleare Wildnis an. Kosten zwischen 50 und 300 Euro.

Nächstes Jahr, wenn sich die Ukraine die Fußball-Europameisterschaft mit Polen teilt, sollen noch mehr Menschen kommen. Tschernobyl und die Sperrzone sind bereits von der Regierung in das offizielle Rahmenprogramm des Turniers aufgenommen worden.

Author: 
Niels Kruse

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