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Keine Spur von Glasnost

Am Samstag, den 26. April 1986 um 1.23 Uhr hat eine Serie von Explosionen den Reaktor des vierten Energieblocks im Atomkraftwerk Tschernobyl zerstört. Einen Tag später wurde in Schweden und Finnland stark erhöhte Radioaktivität gemessen - Ursache unbekannt. Am Montag schließlich berichtete die sowjetische Nachrichtenagentur TASS in einer kurzen Meldung, es habe „einen Unfall“ gegeben.

Tausende Menschen, die in direkter Umgebung des AKWs lebten, waren zu diesem Zeitpunkt bereits enormer Strahlung ausgesetzt. Die radioaktive Wolke hatte sich auf den Weg in die Nachbarländer und bis nach Westeuropa gemacht.

Nur 100 Kilometer von Tschernobl entfernt, in Kiew, ging das Leben in den Tagen nach dem 26. April wie gewohnt weiter. Am 1. Mai feierten Tausende auf den Straßen den Tag der Arbeit. Viele Jahre später sagte der damalige Innenminister der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik, Iwan Hladusch, über die Feiern vom 1. Mai 1986: „Ich stand da, winkte den Arbeitern und Studenten zu, versuchte sogar zu lächeln, aber ich schämte mich, den Leuten in die Augen zu schauen.“

Schutzmaßnahmen nicht notwendig

Zur selben Zeit machte die elf Monate alte Lidija Baidalinowa 450 Kilometer von Tschernobyl entfernt, im ostukrainischen Charkiw, ihre ersten Schritte. Elf Jahre später tauchten überall auf ihrem Körper blaue Flecken auf. Leukämie. Wie Baidalinowa erkrankten Mitte der 90er Jahre viele Kinder an Blutkrebs. Nur fünf Prozent überlebten - Baidalinowa war eine von ihnen. Sie erhielt die lebensrettende Behandlung im Rahmen des Projekts Tschernobyl-Kinder.

Erst drei Tage nach der Katastrophe, am 29. April 1986, gab die Sowjetführung um den damaligen Generalsekretär der Kommunistischen Partei, Michail Gorbatschow, einen ersten offiziellen Bericht heraus. Darin hieß es laut der Tageszeitung „Wedomosti“, es habe „radioaktive Verseuchung“ gegeben - allerdings nicht in einer Intensität, die besondere Schutzmaßnahmen für die Bevölkerung notwendig mache.

"Viele Eltern sahen ihr Kind sterben"

Die russische Tageszeitung „Iswestija“ veröffentlichte 20 Jahre später Mitschriften des Treffens der Sowjetführung, das vor der Publikation dieses Bericht stattfand: „Wenn wir die Nachricht ausgeben, sollten wir sagen, dass gerade Routinereparaturen in der Anlage stattfanden, damit unsere Ausrüstung keinen schlechten Ruf erhält“, wird Gorbatschow darin zitiert. Im kompletten Widerspruch zu Glasnost (Offenheit) - neben Perestroika (Umbau) das Schlagwort seiner politischen Ära - verschwieg und verharmloste Gorbatschow die Katastrophe.

„Wäre die Bevölkerung informiert worden, hätten mich meine Eltern damals nicht über das vom Regen nasse Gras laufen lassen“, ist sich Baidalinowa heute im Gespräch mit ORF.at sicher. Für die Folgen kommt der Staat bis heute nicht auf. Viele Eltern hätten in den 90ern ihre Wohnungen verkauft, um die Chemotherapie zu bezahlen, erzählt Baidalinowa, „viele sahen ihr Kind sterben, weil sie das Geld nicht zusammenbrachten“.

Sommer 1986 in der Sperrzone

Bei den Aufräumarbeiten nach dem Reaktorunfall wurden Arbeiter und Soldaten ohne ausreichende Schutzvorrichtungen in das strahlenverseuchte Gelände geschickt. Die Ärztin Natalija Tereschtschenko verbrachte den August 1986 in der Sperrzone. Sie wurde aus ihrer Heimatstadt Charkiw zum Dienst „in die Region Kiew“ abberufen. „Niemand hat mir gesagt, dass ich direkt in die Sperrzone muss“, erinnert sich Tereschtschenko im Gespräch mit ORF.at.

Nur knapp zehn Kilometer vom Reaktor entfernt musste Tereschtschenko 18 Stunden pro Tag im Akkord die Blutwerte der jungen Soldaten kontrollieren, die als Liquidatoren direkt am stark strahlenden Reaktor arbeiteten. Telefonate mit ihrem Mann und ihren zwei kleinen Kindern wurden abgehört: „Sagte man Wörter wie Atom oder Explosion wurde das Gespräch sofort unterbrochen.“ Sie habe keine Wahl gehabt, so Tereschtschenko, „in der Sowjetunion war es nicht möglich, ‚Nein‘ zu sagen“. Einige Soldaten hätten sie gebeten, ihnen schlechte Blutwerte einzutragen, so dass sie die Arbeit abbrechen konnten - „alle hatten Angst“.

Als Tereschtschenko wieder zu Hause in Charkiw war, bildete sich ein Geschwür auf ihrer rechten Hand - jene Hand, in der sie 18 Stunden pro Tag die verstrahlten medizinischen Geräte gehalten hatte. In den folgenden Jahren folgte eine Krankheit nach der anderen. Heute könne sie endlich sagen, was damals verboten gewesen sei, so die Ärztin, „ich bin froh, dass wir heute Informationen von verschiedenen Quellen bekommen und selbst entscheiden können, was wir glauben“.

Verstrahlte Autoteile auf dem Markt

In der Sperrzone rund um das AKW wurden in den Wochen nach dem Super-GAU verstrahlte Autos, Busse und ganze Dörfer in die Erde gegraben. Der Platz reichte aber nicht aus, um alleine die Tausenden Autos der 50.000-Einwohner-Stadt Prypjat zu vergraben. Prypjat war erst 1970 gegründet worden - als Siedlung für die Arbeiterinnen und Arbeiter des vier Kilometer entfernten AKWs.

So gibt es bis heute im gesamten Gebiet der Ukraine Orte, an denen das radioaktive Material vergraben ist. Menschen in Ortschaften, die Hunderte Kilometer von Prypjat entfernt sind, erzählen von Nacht-und-Nebel-Aktionen nach der Katastrophe, bei denen Sattelschlepper Dutzende Autos brachten, die im Wald vergraben wurden. „Jahre später stiegen dort die Leukämieraten dramatisch an“, erzählt der Leiter des Projekts Tschernobyl-Kinder, Christoph Otto, im Gespräch mit ORF.at.

Touristenattraktion "Geisterstadt"

Bereits in den 1990ern begann die Vermarktung der verlassenen Stadt Prypjat - der „Geisterstadt“ -, in der die Zeit scheinbar 1986 stehen geblieben ist. Kiewer Reiseagenturen überbieten sich mittlerweile mit Diskontpreisen zu Touren ins Sperrgebiet. Mit Slogans wie „Erfahrung seit 1986“ und „absolut strahlungsfrei“ wird um Touristen geworben. Höhepunkt der Touren ist der Sarkophag, der Reaktor 4 umhüllt. Er kann von einem 500 Meter entfernten Aussichtspunkt betrachtet werden.

Verlassene Schulen und Kindergärten, der Kulturpalast von Prypjat mit Schwimmbad und Sporthalle und das nie in Betrieb genommene Riesenrad in einem Vergnügungspark, der am 1. Mai 1986 eröffnet werden hätte sollen, sind weitere Sehenswürdigkeiten des Tschernobyl-Tourismus.

"Telegraphendrähte ins Nichts"

„Was sich in Tschernobyl am meisten einprägt, ist das Leben ‚danach‘: Dinge ohne Menschen, Landschaften ohne Menschen. Wege ins Nichts, Telegrafendrähte ins Nichts“, schreibt die weißrussische Autorin Swetlana Alexijewitsch in ihrem Buch „Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft“, das seit 1997 mehrmals aufgelegt wurde, unter anderem 2011 nach der Katastrophe von Fukushima und zuletzt 2015.

Alexijewitsch, die 2015 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde, sprach für das Buch mit ehemaligen Angestellten des Kraftwerks, mit Menschen aus Prypjat, mit Wissenschaftlern, Medizinerinnen und Soldaten: „Oft hatten sie es eilig, fürchteten, es nicht mehr zu schaffen - ich wusste noch nicht, dass der Preis ihrer Zeugenschaft ihr Leben war.“

"Es wird schon nichts schiefgehen"

Die Menschen seien viel zu spät informiert und mit Kaliumjodid versorgt worden, auch Lebensmittel wie Milch seien viel zu spät gesperrt worden, so Reinhard Uhrig, Experte für Atomkraft bei Global 2000, im Interview mit ORF.at. Versäumnisse gab es aber nicht nur in der Sowjetunion: Auch in Wien fand am 1. Mai 1986 der Maiaufmarsch statt, obwohl zu diesem Zeitpunkt bereits erhöhte radioaktive Strahlung in Österreich gemessen wurde.

Österreich zählt zu den international am stärksten von der Tschernobyl-Katastrophe betroffenen Ländern. Auch 30 Jahre nach dem SUPER-GAu gibt es Gebiete, in denen man keine Schwammerl sammeln sollte, und auch Wildfleisch, vor allem Wildschwein, ist teilweise weit über den Grenzwert verstrahlt.

„Und das durch eine Explosion in einem Reaktor, der über tausend Kilometer entfernt war“, so Uhrig. „Es gibt AKWs die viel näher an Österreich sind - und laufend Störfälle.“ Viele AKWs würden auch nach ihrer Lebensdauer von 30 Jahren nicht abgerissen, nach dem Motto: „Es wird schon nichts schiefgehen.“ Alleine um Österreich herum gibt es zudem acht AKWs, die - wie einst Tschernobyl - keine druckfeste Schutzhülle haben, etwa das slowakische AKW Mochovce.

Author: 
Romana Beer

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