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Wann kommt der neue Stahl-Sarkophag?

Hunderte Ukrainer haben in der Nacht des 23. Jahrestags der Katastrophe von Tschernobyl gedacht. Eine neue Schutzhülle gibt es immer noch nicht – auch wegen der politischen Dauerkrise. Und viele Anwohner fürchten sich vor einer neuen, ganz anderen Katastrophe.
Die ukrainischen Politiker haben offensichtlich zurzeit andere Sorgen – es geht um Posten und Koalitionen, die Wahlen und die Wirtschaftskrise. Die noch immer heikle Lage am Unglücksreaktor Tschernobyl ist 23 Jahre nach der Katastrophe kaum ein Thema.
Vielleicht wäre sie sogar im Vorfeld gar nicht zur Sprache gekommen, hätte nicht die deutsche Firma Nukem am Freitag in Tschernobyl dem ukrainischen Katastrophenschutzminister Wolodymyr Schandra eine neue Anlage für die Bearbeitung fester radioaktiver Abfälle offiziell übergeben.

“Es ist äußerst wichtig, dass es in der Ukraine eine solche Anlage auf Weltniveau gibt, vielleicht ist sie sogar einzigartig”, sagte Schandra. “Ich möchte der Firma, die die Anlage gebaut hat, meinen Dank aussprechen. Die Arbeiten waren nicht einfach. Aber wir haben unser Ziel erreicht. Ich möchte mich auch bei der Europäischen Kommission bedanken, die einen Löwenanteil des Projekts finanzierte: 43,5 Millionen Euro.”

Verbesserung der ökologischen Situation

In der Anlage können hochradioaktive Abfälle für die Endlagerung vorbereitet werden. Schwach und mittel radioaktive Abfälle werden sortiert – und dann entweder verbrannt, gepresst oder zementiert.
Alle sind sich einig, dass die Anlage wesentlich zur Verbesserung der ökologischen Situation rund um den Unglücksreaktor beiträgt. Und trotzdem, sagt auch Nukem-Geschäftsführer und Bauleiter Ulf Kutscher, war es nicht leicht, das Projekt in die Tat umzusetzen. Die Vertragsgestaltung sei wegen der “engen Budgets” nicht einfach.
Es wird deshalb weitere Gespräche mit der Europäischen Union und der Europäischen Bank für Wiederaufbau geben, die nicht nur dieses Projekt maßgeblich mitfinanzieren. Die Europäische Bank für Wiederaufbau hatte der Ukraine zu Beginn des Jahres weitere 135 Millionen Euro in Aussicht gestellt, um den explodierten Reaktor sicherer zu machen. Knapp die Hälfte des Geldes soll in den schon lange geplanten Bau einer neuen Stahl-Schutzhülle fließen, die über den zerstörten Reaktorblock geschoben werden soll.

Schutz vor radioaktiver Strahlung

Der neue Sarkophag soll die Umgebung in den kommenden 50 bis 100 Jahren vor radioaktiver Strahlung schützen. Die bisherige Betonhülle – nach dem Gau hastig hochgezogen – zerfällt. Es gibt Lecks, durch die Regenwasser eindringt.
Andrij Sawin, Chefingenieur und zuständig für Schutz-Konstruktionen wiegelt allerdings ab: In den vergangenen vier Jahren habe man die alte Hülle neu gesichert. “Wir haben die Arbeiten 2008 erfolgreich abgeschlossen, die Konstruktion hält nun weitere 15 Jahre. Diese Frist, inklusive einer Reserve, ist notwendig, um eine neue sichere Hülle in Form eines Bogens mit entsprechender Ausrüstung zu bauen.”
Zurzeit, sagt er, bereitet man alles vor: An der Stelle, wo das Fundament stehen soll, werde der radioaktiv verschmutzte Boden ausgehoben. 2012 soll das Projekt fertig sein. Dann, erklärt Sawin, könne mit der Entsorgung radioaktiver Abfälle im Inneren des zerstörten Reaktors begonnen werden. “Der bestehende Betonmantel ist nicht hermetisch abgeschlossen, also nicht vollkommen luftdicht”, erklärt Sawin. Er erfülle ohne Zweifel seine Funktion und sichere das Innere seit über 20 Jahren.
Aber erst wenn es eine dichtere Schutzhülle gebe, könne man ohne Gefahren für die Bevölkerung und die Umwelt damit beginnen, brennstoffhaltige Materialien herauszubringen, sagt Sawin. Denn diese Arbeiten seien potenziell mit Staubbildung und anderem verbunden.

Anwohner fürchten um ihre Vergünstigungen

Experten kritisieren seit langem, dass die ukrainische Regierung nicht genug dafür tue, um den abgeschalteten Atommeiler zu sichern. Geld sei da. Trotzdem verzögere sich der Bau des neuen Sarkophags immer wieder. Es fehle angesichts der Dauer-Regierungskrise in der Ukraine an klaren politischen Entscheidungen.
Katastrophenschutzminister Wladimir Schandra versuchte trotzdem, Optimismus zu verbreiten: Bei aktuellen Messungen habe man festgestellt, dass in über 300 Dörfern das Maß der Verschmutzung deutlich zurückgegangen sei. Sie könnten theoretisch wieder als saubere Bezirke gelten.
Viele Anwohner sind gegen die Status-Änderung. Sie haben Angst, ihre Vergünstigungen zu verlieren, die sie für das Leben in verschmutzten Gebieten bekommen. Angesichts der schweren Wirtschaftskrise in der Ukraine wäre das für viele eine weitere Katastrophe.

Author: 
Christina Nagel, ARD-Studio Moskau

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