In einer unserer ersten Projektbeschreibungen aus dem Sommer 2009 lese ich diesen Satz: “Das expeditionen-Projekt will das Publikum mit der Aktualität von Tschernobyl konfrontieren“.
Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe
Frühmorgens um halb acht von der elften Etage – dort oben bin ich für ein paar Tage in der Wohnung der Stefanowa untergekommen, über den Dächern von Kiew – um halb acht also mit dem tattrig-stabilen Lift runter zur Haustür und raus auf die Saksahanskyj-Straße, wo der Verkehr erstaunlicherweise schon brummt. Alles geht seinen postsowjetischen Gang, nur mein Mietwagen ist noch nicht da. Also steh ich herum, unbestimmt erwartungsvoll, im Frühtau sozusagen, ein nicht abgeholter Ausflügler.
Aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr
Prypjat’ ist die einzige Stadt der Welt, deren Alter so leicht zu berechnen ist: 1970 (Gründung) bis 1986 (Untergang). Außerdem existierte es von allen untergegangenen Städten am kürzesten, nur sechzehn Jahre. Kein Kind mehr, aber auch noch kein junger Mann, vielmehr ein noch nicht volljähriger Teenager mit dem Recht auf einen Personalausweis. Statt des Ausweises aber stellte man ihm die Todesurkunde aus. Todesursache: Strahlenkrankheit.
So wundersam schön die Kunstwerke von Alice Miceli aussehen, sie zeigen eine unsichtbare Gefahr. Die brasilianische Künstlerin ließ die radioaktive Strahlung in Tschernobyl ihre Kunstwerke zeichnen.
Vor 24 Jahren – in der Nacht vom 25. auf den 26. April 1986 – passierte das Undenkbare und heute noch nicht Begriffene: Der Atomreaktor von Tschernobyl explodierte. Eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes, mit deren Folgen wir und unsere Kindeskinder noch immer konfrontiert sind und sein werden. Über mehrere Jahre hat die weißrussische Journalistin und Autorin Swetlana Alexijewitsch mit Menschen vor Ort gesprochen, für die dieses Ereignis zum zentralen Ereignis ihres Lebens wurde.