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Tschornobyl: Ein Platz für die Namen

Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe
Das Thema Tschernobyl, oder Tschornobyl, wie es auf Ukrainisch heißt, erfährt in der Ukraine eine zwiespältige Behandlung. Man sollte annehmen, dass die Reaktorkatastrophe und ihre ökologischen und sozialen Folgen ein Thema für Fachleute ist, für all jene, die an den Aufräumarbeiten nach der Reaktorexplosion beteiligt waren, für jene, die derzeit Untersuchungen dazu durchführen, und für jene, die mit Tschornobyl eine persönliche Erfahrung verbinden. Es geht jedoch bei Tschornobyl längst nicht mehr um Fragen der Technikbeherrschung, die die ukrainische Gesellschaft Ende der 1980er Jahre beschäftigt haben, sondern die Thematik hat sich - wie der gesellschaftliche Organismus auch - gewandelt und immer wieder neue Formen angenommen. Als Teil der Geschichte, mit der die Bürger des Landes wohl oder übel leben müssen, ist die Reaktorkatastrophe seit langem zu einem soziohistorischen Symbol geworden, zu einem Gedenktag im Kalender, der für alle gilt, ganz gleich, ob sie das Datum für wichtig halten oder ihm eine persönliche Bedeutung beimessen.
 
Ähnliche Entwicklungen lassen sich bei den meisten historischen Ereignissen beobachten, wenn sie das Leben der Menschen nicht mehr unmittelbar beeinflussen und nur noch als Lehrbuchmaterial oder als Konferenzgegenstand figurieren. Ähnliche Entwicklungen gibt es bei Revolutionen und Kriegen, bei Naturkatastrophen oder sozialen Umbrüchen: Mit der Zeit verliert das Ereignis seinen direkten Bezug zur sich ständig wandelnden Alltagsrealität, die Erinnerungen verschwinden unter Schichten von offiziellen Floskeln und verschwimmen hinter dem Zynismus der Beamten und dem Populismus der Politiker. Es sieht für alle gleich aus, denn das Thema interessiert im Grunde genommen niemanden mehr, abgesehen von der kleinen Zahl an unmittelbar Betroffenen, für die die Ereignisse nichts an Aktualität eingebüßt haben und wahrscheinlich auch nie einbüßen werden. Deshalb hält es heute in der Ukraine jeder für folgerichtig und angemessen, sich zu Tschornobyl zu äußern, angefangen von den Schülern und Studenten, die nach der Reaktorkatastrophe, in der unabhängigen Ukraine geboren wurden, bis hin zur letzten Sowjetgeneration, für die Tschornobyl den beginnenden Zerfall der Sowjetunion und die Anfänge der Ukraine markiert.
 
Die Ukraine hat sich an Tschornobyl gewöhnt wie an ein Symbol, wie an etwas Selbstverständliches, das keiner Reflexion bedarf und keine Lehren hervorzubringen vermag. Man hat sich quasi mit diesem erworbenen Fehler, mit diesem Trauma arrangiert, es ist seit langem zu etwas Alltäglichem geworden, ohne übertriebenen Katastrophismus oder Fatalismus. Die Fachleute und diejenigen, die unmittelbar mit Tschornobyl zu tun haben, werden nicht müde zu betonen, dass „Tschernobyl keine Lehren hervorgebracht hat“, aber diese Aussage stimmt mit der Realität nur zum Teil überein.
 
Gelehrt hat Tschornobyl vor allem, wie sich ein globales Problem in großem Stil für persönliche, private, berufliche, geschäftliche und politische Ziele nutzen lässt. Es geht hier nicht allein um die zutiefst sowjetische Reaktion auf den Unfall und die Mittel, derer sich die sowjetische Führung bediente, um die Folgen zu beseitigen. Es geht auch um das Leben mit den Folgen der Katastrophe, um die Versuche, Tschornobyl in all den politischen und gesellschaftlichen Transformationen in der Zeit unmittelbar nach dem Atomunfall auszulöschen. Und es geht natürlich um Dinge, die seit langem auch außerhalb der Ukraine bekannt sind: um das Verschweigen und die Verschleierung von Informationen, um die Plünderungen in der Sperrzone, um das ständige Taktieren und die ständigen Erpressungsversuche seitens der ukrainischen Machthaber. Einen Nutzen hat das Lehrbeispiel Tschornobyl wohl kaum gebracht, was aber vielleicht auch nicht verwunderlich ist. In der ukrainischen Wirklichkeit ist Tschornobyl längst nicht mehr das Atomunglück, sondern vielmehr ein Spiegel dessen, was sich in der Gesellschaft ereignet. Das hängt vielleicht damit zusammen, dass das Atomunglück von Anfang an viele soziale Facetten berührt und zu einem gewissen Schnitt, zu einem Bruch in der Gesellschaft geführt hat, der bis auf den heutigen Tag andauert.
 
Tschornobyl ist gegenwärtig interessanterweise vor allem ein Thema für die Vertreter der älteren Generation, die heute in der Ukraine leben, früher aber Bürger der Sowjetunion waren, ihre Haltung zu dem Reaktorunglück hat weniger etwas mit ihrer unmittelbaren Beteiligung an der Beseitigung der Unfallschäden zu tun, sondern vielmehr mit ihrer Staatsangehörigkeit zu jener Zeit, mit ihrer eigenen Vergangenheit, die eng mit der Sowjetunion verknüpft ist. Für diesen Teil der ukrainischen Bevölkerung sind die Reaktorkatastrophe und der Zerfall des Sowjetimperiums Teile ein- und derselben Katastrophe, es sind Dinge, die sich auf ein- und derselben gesellschaftlichen und politischen Ebene abgespielt haben und deshalb im Kontext der postsowjetischen politischen und sozialen Transformationen erörtert werden.
Die jüngere Generation hingegen, diejenigen, die nach der Reaktorkatastrophe geboren wurden, ignorieren Tschernobyl fast vollständig, wenn man einmal davon absieht, dass es Bestandteil des Lehrprogramms an Schulen und Hochschulen ist. Für die jüngeren Ukrainer ist die Sperrzone zumeist so etwas wie eine Spielfläche, ein Versuchsgelände bei einem Computerspiel, etwa wie in S.T.A.L.K.E.R. – Shadow of Chernobyl, im besten Fall noch Anlass für ökologische Initiativen ohne ideologische Anreicherungen. Natürlich sind diese neue Sicht und das neue Verständnis grundsätzlich anders. Sie sind distanzierter und haben mit vielen sowjetischen Mustern nichts mehr zu tun.
 
Dieses grundsätzlich andere Verständnis lässt sich vollkommen schlüssig mit der fehlenden persönlichen Erfahrung erklären. Diese jungen Menschen waren keine Liquidatoren, sie waren nicht persönlich von der Evakuierung aus der verseuchten Zone betroffen, und obwohl der Gesundheitszustand der ukrainischen Kinder in vielen Fällen – und das sicher nicht grundlos - mit der Reaktorkatastrophe in Zusammenhang gebracht wird, ist die Haltung der jüngere Generation zu den Ereignissen von vor 25 Jahren ziemlich distanziert. Das ist auch eine Reaktion auf die heuchlerische Position der politischen Führung und das Fehlen von objektiven Informationen ohne Pathos und patriotische Hysterie.
 
Tschornobyl war nicht nur hinsichtlich der Technologie, sondern auch auf Grund der sozialen Folgen eine Katastrophe. Die soziale Erschütterung hat Probleme mit sich gebracht, die mit der Zeit oder genauer gesagt mit dem Alter der Personen, die diesen Bruch erlebt haben, nicht nur ungelöst geblieben sind, sondern sich sogar verschärft haben. Für viele Bürger der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik markiert die Tschornobyl-Katastrophe symbolisch, aber auch ganz konkret den Beginn tiefgreifender Veränderungen, den Beginn eines anderen Lebens, wesentlich schlechter und bedeutend unruhiger, geprägt von einer unsicheren Zukunft, von Misstrauen und Enttäuschung gegenüber dem System, das dieses Leben hervorgebracht hat. Vielleicht nehmen deshalb die meisten Gespräche über die Vorbedingungen, den Verlauf und die Folgen der Tschornobyl-Katastrophe abgesehen von Diskussionen in Expertenkreisen mit unzähligen Bibelzitaten und einer überhöhten poetisch-apokalyptischen Tragik auf Tschornobyl als ein bestimmtes Symbol Bezug. Die Kiewer Literaturwissenschaftlerin Tamara Hundorowa führt sogar den Begriff von der „Post-Tschornobyl-Bibliothek“ ein, um einen Korpus von Texten zu markieren, die nach der Tschornobyl-Katastrophe geschrieben worden sind oder sich durch einen postapokalyptischen Zugang auszeichnen. Häufig geht es dabei um die sowjetischen Bedingungen, die die Abwendung der Katastrophe ermöglicht bzw. verhindert haben. Tschornobyl gilt gemeinhin als eine Art Endprodukt des Sowjetsystems, Frucht und zugleich Fortschreibung des Systems. Diese Sichtweise hat nicht nur etwas mit der Chronologie der Ereignisse zu tun, damit, dass die Reaktorkatastrophe mit dem Zerfall des Sowjetimperiums zusammenfiel und dass mit dem Atomkraftwerk in Tschornobyl auch das ganze Sowjetimperium „liquidiert“ wurde. Es geht nicht um den Zusammenfall der Ereignisse. Tschornobyl hat eine ganze Reihe von Problemen zu Tage gefördert und vertieft, die weit über den Atomunfall und die Atomkraft hinausgehen. Deswegen thematisieren die Ukrainer weniger die radioaktive Strahlung als vielmehr ihre persönlichen Katastrophen und Brüche. Tschornobyl hat auf jeden Fall all jene für das Sowjetsystem typischen Funktionsmechanismen offenbart und tut das auch weiterhin. Die Rede ist vom Verschweigen von Fakten und vom Verschleiern von Informationen direkt nach der Katastrophe und während der Aufräumarbeiten, aber auch vom Kampf der Hilfskräfte um die ihnen zustehenden Rechte und Vergünstigungen und von der Tschornobyl-Politik der ukrainischen Führung insgesamt. Die souveräne Ukraine ist aus den Trümmern von Tschornobyl entstanden und befindet sich praktisch in deren Gewalt. Es geht hier nicht nur um die atomare Verstrahlung, es geht auch um das Spiel mit der Katastrophe als einem Symbol, mit dem die Existenz und Entwicklung des Landes assoziiert werden. Es geht um den durchaus genehmen posttraumatischen Status, um die Opferrolle, die vom Staat gehegt und gepflegt wird, um die Weigerung, über Tschornobyl ohne Pathos und Berechnung zu sprechen, um die Ignoranz der öffentlichen Meinung, insbesondere der Meinung derer, die an den Aufräumarbeiten nach dem Reaktorunfall beteiligt waren. Eigentlich sollte vordergründig über die Erfahrung und die Probleme der Betroffenen gesprochen werden. Die Liquidatoren jedoch, deren Zahl beständig abnimmt, spielen in der Regel eine untergeordnete Rolle. Es sei denn, es steht ein weiterer Jahrestag der Katastrophe an, und die Führung kann auf Kosten der Liquidatoren ihr Ansehen verbessern, indem sie ihnen Medaillen verleiht und verspricht, sich um ihre Belange zu kümmern. Und da wir in diesem Jahr einen solchen Jahrestag begehen, möchte ich darauf etwas näher eingehen.
 
Die Tschornobyl-Bewegung, die Ende der 1980er Jahre entstanden ist, hat sich in den Jahren seit ihrer Entstehung signifikant verändert, angefangen von Massenaktionen zu Beginn der 1990er Jahre bis hin zu ihrem ziemlich vagen Status in der letzten Zeit, der die Tschornobyl-Opfer zwingt, der politischen Führung entgegen zu kommen, um ihre Interessen wenigstens ansatzweise durchzusetzen. Die Haltung der politischen Führung und der Gesellschaft gegenüber der Tschornobyl-Bewegung hat sich auch verändert. Die ständigen Versuche der Tschornobyl-Bewegung, den Staat dazu zu bewegen, seinen Pflichten nachzukommen und die noch ausstehenden Zahlungen zu begleichen, sind zu einer Dauererscheinung geworden und fallen unter den anderen sozioökonomischen Forderungen nicht mehr auf. Dasselbe gilt für den Gruppenstatus der Liquidatoren. Die den Liquidatoren offiziell zustehenden Vergünstigungen sind bekanntlich seit Anfang der 1990er Jahre immer wieder Gegenstand des Handels und der Berechnung von Personen, die eine eher zweifelhafte Beziehung zu den Ereignissen in Tschornobyl haben. Für die ukrainische Führung ist die Gruppe der Tschornobyl-Opfer gegenwärtig eher ein Ballast, sie unternimmt nicht einmal den Versuch, die vorgesehenen Mittel in vollem Umfang bereit zu stellen, und beschränkt sich auf symbolische Brocken, die sie von Zeit zu Zeit verteilt. Und so ist es nur folgerichtig, dass die Liquidatoren immer wieder lautstark darauf aufmerksam machen, dass die Mittel, die die ukrainische Regierung den europäischen Staaten seit Jahr und Tag erfolgreich abpresst, mehrheitlich in den Taschen der Machthaber landen, während die Tschornobyl-Opfer einen ständigen, erniedrigenden Kampf mit den ukrainischen Behörden um die ihnen zustehenden Rechte führen müssen.
 
Die gegenwärtige Situation ist wiederum zwiespältig – und typisch für die Ukraine: Einerseits gibt es in vielen Städten Denkmäler zur Erinnerung an die Tschornobyl-Opfer und die Regierung betont fortwährend ihre Bemühungen und ihre Anerkennung für die Tschornobyl-Opfer, andererseits müssen die Liquidatoren ständig darum kämpfen, dass ihre Rechte ihnen zumindest juristisch erhalten bleiben. Und dieser Kampf, der sich mehr und mehr auf lokaler Ebene abspielt, dürfte sich auf absehbare Zeit fortsetzen. Die ukrainische Führung wird, ganz gleich wie „demokratisch“ ihr Selbstverständnis ist, natürlich alles daran setzen, die Vergünstigungen zu liquidieren, wobei sie die Zersplitterung der Bewegung sowie die abnehmende Zahl der Betroffenen auszunutzen versteht.
 
Nach offiziellen Angaben leben derzeit in Charkiw etwa 14000 Personen, die an den Aufräumarbeiten nach der Reaktorkatastrophe beteiligt waren. Im Gebiet Charkiw beträgt ihre Zahl etwa 26000. 1992 wurde die Liste für wohnungssuchende Tschornobyl-Opfer geschlossen. Derzeit sind noch immer 39000 Tschornobyl-Opfer ohne Wohnraum. Jährlich werden für die medizinische Behandlung der Tschornobyl-Opfer 2,5 Hrywnia (etwa 0,20 €) zur Verfügung gestellt. Laut Informationen, die kürzlich während einer Parlamentsanhörung zur Beseitigung der Folgen der Reaktorkatastrophe veröffentlicht wurden, beträgt die Erkrankungsquote der als Kinder aus der Sperrzone evakuierten Personen 83,7%, bei Kindern von Liquidatoren 76,1%, bei Kindern, die in den verstrahlten Gebieten leben, 76,6%. Zwischen 1986 und 1992 waren 600000 Menschen an den Aufräumarbeiten beteiligt. Nach Angaben der Organisation „Sojus Tschornobyl“ sind von ihnen bis heute 10% gestorben und 165000 invalidisiert. Die Sterblichkeit unter den Liquidatoren übersteigt die Sterblichkeit der übrigen Bevölkerung um das Zehnfache.
 
Die Verchovna Rada, das ukrainische Parlament, verabschiedete 1991 das Gesetz „Über den Status und die soziale Absicherung von Opfern der Tschornobyl-Katastrophe“. Das Gesetz sah die kostenlose Zuteilung von Lebensmitteln, die kostenlose medizinische Behandlung sowie eine jährliche Erholungsreise für die Liquidatoren vor. Im Jahr 2002 entschied das Verfassungsgericht der Ukraine, dass der Staatshaushalt die Zahlungen an die Tschornobyl-Opfer nicht einstellen darf. Am 14. Januar dieses Jahres wurde der Gesetzentwurf „Über die staatliche Garantie der Umsetzung von richterlichen Beschlüssen“ in die Verchovna Rada eingebracht. Die Tschornobyl-Opfer (und auch viele Fachleute) nehmen an, dass die politische Führung mit diesem Gesetzentwurf das soziale Sicherungssystem auf den Prüfstand stellen möchte und dass entsprechende Modifikationen in der Gesetzgebung zur endgültigen Abschaffung der derzeit immerhin rechtlich garantierten Zuwendungen führen könnten. Der Gesetzentwurf wurde im Übrigen zur selben Zeit ins Parlament eingebracht, zu der Präsident Viktor Janukowytsch das Jahr 2011 zum Jahr der Klärung aller Tschornobyl-Fragen deklarierte. Während der bereits erwähnten Parlamentsanhörungen zu Tschornobyl bezifferte die politische Führung die Summe, die für die Umsetzung der bestehenden Gesetze zur sozialen Sicherung der Tschornobyl-Opfer aufgebracht werden muss, auf 74 Milliarden Hrywnia jährlich. Bei einer jährlich zur Verfügung stehenden Gesamtsumme von 281 Milliarden Hrywnia im Staatshaushalt lässt sich ausrechnen, wie die Bereitschaft der ukrainischen Führung aussieht, die Tschornobyl-Fragen zu klären.
 
Aber es geht natürlich nicht nur um die Zahlungsrückstände. Wollte man die Forderungen der Tschornobyl-Opfer allein auf die finanziellen Ansprüche reduzieren, würde man die Situation vereinfachen und sie als rein bürokratischen Konflikt darstellen und sich damit die Sichtweise der ukrainischen Führung zu eigen machen. Es geht noch um einen anderen Aspekt. Als sich im März dieses Jahres das Atomunglück in Fukushima in Japan ereignete, wurde in der Ukraine auch Tschornobyl wieder Gesprächsthema. Tschornobyl rückte wieder in das Zentrum des Interesses, die Situation wurde mit der in Japan verglichen. Die Experten gaben ihre Kommentare ab und äußerten Vermutungen, den Politikern bot sich ein weiterer Anlass für öffentliche Auftritte, Versprechen und Versicherungen, da mit diesem Thema bekanntlich Wählerstimmen zu gewinnen sind, die Liquidatoren wurden zu gefragten Gästen in Radio- und Fernsehsendungen. Soweit man den Diskussionen und Äußerungen entnehmen konnte, begegneten die Tschornobyl-Opfer dem Geschehen in Japan mit Eifersucht und Skepsis. Ihre Skepsis bezieht sich sowohl auf die Höhe der Strahlung in dem japanischen Atomkraftwerk im Vergleich zu Tschornobyl als auch auf die Strahlendosis, mit der die japanischen Hilfskräfte verstrahlt wurden. Das Tschornobyl-Milieu zeigt – und das hat eine hohe Aussagekraft - die typischen Merkmale der Generation des Zweiten Weltkrieges: Es ist dasselbe unreflektierte Gefühl der Verbundenheit durch die gemeinsame Erfahrung und Pflichterfüllung, das gemeinhin bei den Kriegsveteranen zu finden ist, dieselbe Erfahrung bei der Rückkehr in die Gemeinschaft und dem folgenden Unwillen dieser Gemeinschaft, in den Kategorien und Realien von Ereignissen zu leben, die lange vergangen sind. Es ist dieselbe Gleichgültigkeit von Seiten der politischen Führung, die Ausgrenzung von Seiten des Staates, das beißende Gefühl von Ungerechtigkeit, die vergeblichen Versuche, die gesetzlichen Rechte durchzusetzen, die Aufweichung und Diskreditierung der kollektiven Erfahrung, die offiziöse Heuchelei und das fehlende Verständnis in der Gesellschaft, eine Situation, in der die Betroffenen mit ihren Problemen allein bleiben. Und auch die auf den ersten Blick womöglich nicht ganz verständliche ständige Erwähnung der eigenen „Kampferfahrung“, die als wichtigste Lebenserfahrung überhaupt angesehen wird. In Gesprächen mit Liquidatoren ist in der Tat häufig zu hören, dass sie ihrer Zeit in Tschornobyl einen außerordentlich hohen Stellenwert beimessen, da dort alles echt, alles ehrlich und gerecht war – die Liquidatoren haben getan, was getan werden musste, und dafür brauchte es damals weder Erklärungen noch Rechtfertigungen. Die ständige Erwähnung des Einsatzes und die idealisierte Wahrnehmung der damaligen Erfahrung haben ihre Ursache natürlich in der Wirklichkeit, mit der die Liquidatoren nach ihrer Rückkehr aus der Sperrzone konfrontiert waren. Und die Situation der Tschornobyl-Opfer sagt natürlich auch etwas über die moralische und ethische Verfassung der heutigen Ukraine aus.
 
Nicht umsonst stellen die Liquidatoren immer wieder dieselbe rhetorische Frage: Gäbe es heute ein ähnliches Verhalten wie damals, ein ähnliches, heut mehr als fragwürdig anmutendes Engagement, eine ähnliche freiwillige Ausführung von Befehlen, die teils zweifelhaft, teils verbrecherisch waren? Würde sich die junge Generation der Ukrainer heute im Ernstfall genauso für die Rettung ihres Landes einsetzen und dabei Leben und Gesundheit riskieren? Natürlich kann man den Mut und das Heldentum der Liquidatoren ausschließlich mit der sowjetischen Erziehung begründen, die in einer derartigen Situation einfach keine anderen Handlungsmuster zuließ. Trotzdem speist sich die Skepsis der Tschornobyl-Veteranen, wie ich annehme, nicht nur aus dem Fehlen einer Staatsideologie, sondern insgesamt aus dieser Mauer der Entfremdung, die die ukrainische Führung in den letzten 20 Jahren zwischen der Gesellschaft und sich eingezogen hat. Die Skepsis hat auch etwas mit den Transformationen zu tun, die die ukrainische Gesellschaft seit dem Reaktorunfall in Tschornobyl erfahren hat. Wenn man der Vermutung folgt, dass sich die Tschornobyl-Problematik auf die Gesamtsituation der ukrainischen Gesellschaft übertragen lässt, kommt man zu dem Schluss, dass Skepsis und Misstrauen, das Fehlen einer abgestimmten Mitwirkung und Solidarität, der Wunsch und das letztliche Unvermögen, sich mit der politischen Führung zu einigen, ziemlich genau die Lage aller anderen zivilgesellschaftlichen Bewegungen im Land widerspiegelt. Denn die Tschornobyl-Bewegung hat sich zeitgleich mit anderen gesellschaftlichen Initiativen und Bürgerbewegungen entwickelt und kann ebenso wenig wie sie signifikante Erfolge vorweisen. Das Problem ist hier weniger Tschornobyl und seine Opfer als vielmehr das Fehlen funktionierender Mechanismen für die zivilgesellschaftliche Mitwirkung in der ukrainischen Gesellschaft insgesamt.
 
Ich möchte einen weiteren Aspekt erwähnen. Mein langjähriger Freund, der Charkiwer Fotograf Jurij Woroschylow, der im Juni 1986 zum ersten Mal in der Sperrzone war und der Reaktorkatastrophe unzählige Fotoausstellungen gewidmet hat, spricht konsequent von den „Tschornobyl-Dissidenten“. Damit meint er die Menschen, also die ehemaligen Liquidatoren, die die offiziellen Informationen zur Reaktorkatastrophe von Tschornobyl und ihren Folgen nicht anerkennen. Ihnen geht es selbstverständlich nicht um eine Annäherung an die politische Führung und finanzielle Zuwendungen. Sie sprechen von zweifelhaften, widersprüchlichen, sie nennen es falsche Informationen zu Tschornobyl, die seit Jahr und Tag von der ukrainischen Führung verbreitet werden, ihnen geht es um das Verschweigen von Informationen, um Korruption, Bürokratie, um die damaligen Funktionsträger, die zur Rechenschaft gezogen werden müssen, und die Politiker, die die ganze Welt mit der Drohung eines zweiten Tschornobyl erpressen. Es ist ihr Kampf - für viele von ihnen ist er zum Lebensinhalt geworden -, der die Hoffnung nährt, dass die 25 Jahre zurück liegenden Ereignisse nicht endgültig auf den Seiten von Schulbüchern und in Berichten der Ministerien verschwinden. Ihre Thesen und Mitteilungen wirken jedenfalls um vieles glaubwürdiger, schon allein deshalb, weil die Dissidenten nicht in den Kampf um finanzielle Ressourcen und Regierungsposten verstrickt sind. Die meisten Tschornobyl-Opfer messen allerdings dem Kampf um die Konzeptionen und der Durchsetzung des Rechts auf wahrheitsgemäße Information keine so große Bedeutung bei, denn sie alle haben ihr eigenes Tschornobyl und ihre eigene Wahrheit. Wie zum Beispiel im Fall des Denkmals für die Tschornobyl-Opfer in einer Kleinstadt im Gebiet Charkiw. Der Chef der örtlichen Tschornobyl-Organisation, den ich über Woroschylow kennen gelernt habe, erzählte, dass die Idee des Tschornobyl-Vereins, an dem Denkmal einige leere Granitplatten zu verlegen, auf denen im Laufe der Zeit die Namen der verstorbenen Liquidatoren eingraviert werden sollen, auf Ablehnung der politischen Führung stieß. Sie hatte sich etwas Positiveres und Neutraleres vorgestellt. Der Tschornobyl-Verein setzte sich durch. Insgesamt kamen aus dem Ort ungefähr 100 Liquidatoren. Die Namen von 30 von ihnen stehen schon auf den Tafeln, 70 sind noch geblieben.
 
 
Serhij Wiktorowitsch Zhadan wurde 1974 im Industriegebiet Luhansk im Osten der damaligen Sowjetrepublik Ukraine geboren. Später zog er mit seinen Eltern nach Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine. Dort studierte Zhadan Germanistik und promovierte über den ukrainischen Futurismus. Seit 1991 gehört der Autor zahlreicher Lyrikbände zu den prägenden Figuren der jungen Szene in Charkiw, wo er auch heute lebt. In seinem ersten, 2007 auch auf deutsch erschienenen Roman Depeche Mode schildert Zhadan die Odyssee seiner drei Protagonisten durch die postsozialistische Ukraine in der Umbruchszeit der frühen 1990er Jahre. Die 2008 veröffentlichte Hörbuchfassung von Depeche Mode wird von Harry Rowohlt gelesen. Serhij Zhadan wurde 2006 mit dem Hubert Burda Preis für junge Lyrik ausgezeichnet.

Author: 
Serhij Zhadan

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