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Energiewende in Deutschland: Nach dem Ausstieg ist vor dem Protest

Atomkraft erledigt, Anti-AKW-Bewegung erledigt? Wohl kaum, meint Stefan Kuzmany. Echte Atomskeptiker trauen dem Frieden nicht - und dazu haben sie allen Grund. Denn selbst wenn der Ausstieg diesmal durchgezogen wird, steht uns der ganz große Stromstreit noch bevor.

Es ist vollbracht! Deutschland wird zur atomfreien Zone. Der Atomausstieg ist beschlossene Sache, nur noch wenige Jahre schmurgeln die auslaufenden Meiler vor sich hin, dann ist endgültig Schluss, die Gefahr gebannt. Wir, unsere Kinder und unsere Kindeskinder sind vor dem drohenden Strahlentod gerettet. Hurra!

Ungefähr so fühlte sich das im Jahr 2000 an, als die rot-grüne Bundesregierung den sogenannten Atomkonsens mit den Energieversorgern ausgehandelt hatte. Proteste? Nicht mehr nötig, war doch alles schon erledigt und die Restlaufzeiten eine zwar unschöne, aber doch überschaubare Periode. Verträge mussten nun mal eingehalten werden, aber dann ist es vorbei, versprochen.

Die Atomkraftgegner trauten dem Konsens nicht, sie protestierten weiter. Anwohner und zugereiste Aktivisten versuchten auch fortan noch, die Castor-Transporte aus dem französischen La Hague aufzuhalten, die unverändert Jahr um Jahr in die niedersächsische Gemeinde Gorleben rollten, Jahr um Jahr begleitet und beschützt von einer gigantischen Polizeitruppe, die das Wendland mit schwerem Gerät einnahm wie eine Besatzungsarmee.

Heute wissen wir: Das Misstrauen der Atomkraftgegner hatte gute Gründe, wie sich spätestens am 8. Dezember 2010 zeigte, als der Bundespräsident das schwarz-gelbe Gesetz zur Laufzeitverlängerung unterschrieb.

Der Umweltminister radelt von dannen

Und jetzt? Seit Sonntagnacht ist der Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg beschlossen, diesmal gar - Fukushima und Wahlniederlagen machten es möglich - von einer schwarz-gelben Bundesregierung. Der Umweltminister setzt sich demonstrativ aufs Fahrrad und radelt heim durch die laue Berliner Luft. Sache erledigt, unumkehrbar, jetzt aber bitte auch nicht mehr demonstrieren. Die Restlaufzeiten müssen nun mal sein, wegen der Verträge. Aber bald, bald, liebe Bürger, ist es vorbei mit dem Atom, versprochen.

Der Wunsch nach Ruhe dürfte wohl auch jetzt wieder ein frommer bleiben, und ein unerfüllter dazu. Wer glaubt, dass sich die Anti-Atomkraft-Bewegung in der Nacht auf den vergangenen Montag quasi von selbst erledigt hat, weil ihr die Existenzgrundlage entzogen wurde, irrt. Die erfahrenen Kämpfer von ".ausgestrahlt - Gemeinsam gegen Atomkraft" wettern am Tag nach dem Ausstiegsbeschluss: "Irgendwelche Verheißungen über einen Ausstieg bis 2022 sind das Papier nicht wert, auf das sie gedruckt sind."

Stromtrassen statt Haar- und Zahnausfall

Sicher, mit detaillierten Debatten über Strommengenmanagement und Grundlastkraftwerke werden sich möglicherweise nicht mehr ganz so viele Bürger mobilisieren lassen wie mit dem schrecklichen Atomtod, bei dem einem Haare und Zähne ausfallen. Aber selbst wenn wir davon ausgehen, dass auch die nächste und übernächste Bundesregierung am Ausstieg festhält, gibt es noch genügend Energieentscheidungen, gegen die es sich zu protestieren lohnt.

Wohin mit all dem strahlenden Müll, der sich in den Zwischenlagern türmt? Brauchen wir zwischenzeitlich etwa noch zusätzliche neue Kohlekraftwerke, bis die " Erneuerbaren" dereinst unseren gesamten Handy-Auflade- und Elektroautobedarf decken können? Und wo sollen all die wunderbaren Windparks, Stauseen und Stromtrassen hin, ohne die eine Energiewende nicht zu schaffen ist?

Jetzt beginnt eine Energiedebatte neuen Typs, und schnell wird sich darin das über Jahrzehnte eingeübte oder auch erst jüngst in Sachen Stuttgart 21 erworbene Protestbewusstsein aktivieren lassen - nur eben lokal ausdifferenziert in Bürgerinitiativen vor Ort. Wohl kaum werden Busladungen von Demonstranten aus dem ganzen Land sich mit Ansässigen solidarisieren, wenn nicht die Zukunft des Planeten auf dem Spiel steht, sondern nur die schöne Aussicht.

Bitte nicht an meinem Wohnort™

Es wird also weiter protestiert werden. Und in vielen Fällen wohl mit guten Gründen. Vorsorglich sei an dieser Stelle schon einmal das ermüdende Argument "Bitte nicht an meinem Wohnort"™ vom Markt gekauft. Es ist ab sofort nur noch gegen Entrichtung absurd hoher Lizenzgebühren zu verwenden.

Und wer weiß schon, was bis zum Jahr 2022 noch alles geschehen wird. Wenn es so weiter geht wie bisher in diesem Nachrichtenjahr, dann findet sich bis Dezember garantiert noch ein tödliches Bakterium in Bier und Fertigpizza, ein Meteor schlägt in Sibirien ein, Außerirdische landen in Brandenburg und Thomas Gottschalk verknackst sich den Fuß beim Golfspielen.

Die Erinnerung an Fukushima wird möglicherweise schneller verblassen als die Erinnerung an Tschernobyl, hier und da noch ein Artikel zum Jahrestag und zwischendurch eine herzzerreißende Geschichte über strahlengeschädigte Aufräumarbeiter. Doch mit der Zeit werden neue Großereignisse unsere Aufmerksamkeit bannen. Und so ist es wahrscheinlich, dass wir die längst vergessen geglaubte Atomenergie bald wieder als Technik der Zukunft verkauft bekommen - noch weit vor 2022, von einem smarten Energiepolitiker, den jetzt noch niemand kennt.

Deutschland, atomfreie Zone? Fragen Sie mich in zehn Jahren noch mal.

Author: 
spiegel.de

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