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Atom-Doku "So teuer wie möglich"

Ist das noch Politik oder schon Lobby-Arbeit? In der ARD-Doku "So teuer wie möglich" über den Kampf der Energiekonzerne gegen den Atomausstieg werden Bundeskanzlerin Angela Merkel und Umweltminister Norbert Röttgen als prinzipienlose Grenzgänger dargestellt.

Was macht man als Bundesminister, wenn man in einer Frage, die den Kern des eigenen Ressorts betrifft, von der Kanzlerin nicht konsultiert wird? Wenn ihre Entscheidung in der Frage den persönlichen Überzeugungen widerspricht? Wenn einem diese Frage sogar besonders am Herzen liegt? Für Bundesumweltminister Norbert Röttgen ist klar: weitermachen, Amt behalten, gegen die eigenen Überzeugungen stimmen.

Er hat das so gemacht, als die schwarz-gelbe Regierung im Herbst 2010 die Laufzeitverlängerung für deutsche Atomkraftwerke durchsetzte. Und er sagt es auch genau so in der Dokumentation "So teuer wie möglich - der letzte Kampf der Atomindustrie", die am Mittwochabend in der ARD läuft: "Ich bin dann aber auch sehr schnell zu dem Ergebnis gekommen, dass man nicht den Einsatz für eine ganz wichtige Frage immer mit dem Amt verbinden darf."

Dass Norbert Röttgen im Zentrum von Hubert Seipels Film steht, ist wohl eher dem Zufall geschuldet. Der Minister war einfach bereit, mit dem Autor zu sprechen. Hätte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Atompolitik ihrer Regierung vor der Kamera geäußert, hätte sie sich ebenso in Widersprüche verstrickt. So bleibt Seipel nur übrig, Merkels Schwenk von Laufzeitverlängerung auf Komplettausstieg innerhalb eines knappen Jahres mit Archivmaterial zu belegen.

Gerade in Kombination mit den Interviewpassagen von Röttgen entfalten die alten Bilder aber eine fatale Wirkung: Hier der Bundesminister, der bei der Laufzeitverlängerung umfällt, dort die Kanzlerin, die nach jahrelangen Verbindungen zur Atomindustrie plötzlich den Ausstieg beschließt. Die einzige Erklärung für diese Prinzipienlosigkeit, die sich im Film finden lässt, liefert SPD-Chef Sigmar Gabriel: Bei der Atomkraft ginge es der Regierung nicht um Ideologie, sondern um wirtschaftliche Interessen.

Der letzte politische Akt

Dass auch die SPD die Atomkraft lange unterstützt hat und das ebenfalls nicht aus den hehrsten Motiven heraus, verschweigt Grimme-Preisträger Seipel nicht. Sein Film zeigt, wie verbissen Politiker aller Lager die Technologie trotz massiven Protests aus der Bevölkerung immer wieder verteidigt haben. Die Gründung der Grünen, die den Protest in den Bundestag tragen und ihm politisches Gewicht verleihen, scheint da nur zwangsläufig zu sein.

Überhaupt kommen die Grünen und selbst die SPD unter Gerhard Schröder gut in der Dokumentation weg. Der Beschluss der ersten rot-grünen Regierung, aus der Atomenergie auszusteigen, erscheint hier als der letzte genuin politische Akt, den eine Bundesregierung in den vergangenen Jahren gewagt hat: ein Beschluss, der auf Überzeugungen basiert und der sich traut, sich auch gegen mächtigste Gegner aus der Wirtschaft zu stellen.

Dass auch Eon-Chef Johannes Teyssen bei Seipel eine gute Figur macht, erstaunt da - aber nur auf den ersten Blick. Als Chef des größten deutschen Energiekonzerns ist immerhin klar, wessen Interessen er vertritt. Im Kontrast zu Angela Merkel, bei der man im Verlauf des Films immer weniger weiß, ob sie noch Politikerin ist oder schon Lobbyistin der Atomindustrie, muss man solche Eindeutigkeit geradezu schätzen.

Zum Schluss nimmt die Kamera wieder Norbert Röttgen ins Visier. Bei einem Kammerkonzert sitzt der Umweltminister mit seinem Vorgänger im Amt, Jürgen Trittin, in einer Reihe. Den Grünen, der in der Atomfrage immer eine klare Linie verfolgt hat, hält es kaum auf dem Platz. Er kämpft gegen die Müdigkeit an und rutscht in seinem Stuhl hin und her. Röttgen starrt dagegen beharrlich in die Leere. Ihn scheint wirklich nichts zu bewegen.

Author: 
Hannah Pilarczyk

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