Wenn am heutigen Samstag das Freiburger Augustinermuseum vor geladenen Gästen seine Tschernobyl-Ausstellung eröffnet (siehe Seite 13), werden nicht nur einige Prominente ans Mikrofon treten, sondern auch eine kleine Frau, deren Namen in der Stadt kaum jemand kennt. Sie wird zur Veranstaltung drei, vier Lieder beisteuern. In der Ukraine und in der Welt der ukrainischen Diaspora zwischen Toronto, Philadelphia und Buenos Aires, Sidney und München ist sie weltbekannt – Nina Matwijenko.
Wer sie ist? Schwer zu sagen. Die "Seele der Ukraine", wie der Schriftsteller Juri Andruchowytsch meint? Nina Matwijenko ist auf jeden Fall eine begnadete Sängerin, Volksliedsammlerin und Feldforscherin. Mal tritt sie mit klassischem Orchester in der Lemberger Philharmonie auf, mal tourt sie mit einem Kammer-Ensemble – Kobsa, Flöten, Drehleier – durchs Land, mal steht sie ganz allein vor dem Mikrophon. Man kann sie bei Dreharbeiten im Fernsehstudio treffen oder bei Lehrveranstaltungen in der Uni, und wer in einer Sommernacht bei einem Festival irgendwo zwischen Charkiw und Lwiw erlebt hat, wie sie a-capella Balladen oder Volkslieder singt, der versteht schon, warum sie eine Legende ist.Niemand singt diese Lieder von Liebe und Arbeit, Krieg und Tod, von Träumen, Sehnsucht und Verzweiflung, vom Lachen und vom Tanzen so wie sie. Fein ziselierte Wendungen, reich und ausdrucksstark, anrührend, und sehr, sehr individuell. Besonders wenn sie solo singt, gibt es keine Standardisierung oder Wiederholung, stattdessen winzige Abweichungen, Improvisationen, bei jedem Auftritt scheint der Gesang in diesem Moment ganz neu zu entstehen. Wenn ich zum Vergleich andere Namen nennen sollte – zwei italienische fallen mir ein, ein portugiesischer, ein chilenischer, deutsche nicht.
Nina Matwijenko kommt vom Dorf, geboren ist sie am 10. Oktober 1947 in Nedilyschtsche in der Zentralukraine, aufgewachsen in einer Familie mit elf Kindern, mit wenig Geld, aber vielen Liedern. Sie hat dann später Gesang studiert und Volkslieder gesammelt, hat sie untersucht, auf ihre Echtheit geprüft, geputzt wie alte Scherben und wieder zusammengesetzt, befreit von den Klischees, der Tümelei, der falschen Schmissigkeit und ist damit auf die Bühne gegangen. Das war in den 60er und 70er Jahren, als die rasante Industrialisierung der ländlichen Volkskultur die Grundlage entzog.
Die Leute zogen damals aus den Dörfern in die suburbs der großen Industriestädte, in die Plattenbauten, in kleine, standardisierte Wohnungen, und sie nahmen ein paar lebensnotwendige Erinnerungsstücke von zuhause mit, einen Teppich, eine bestickte Bluse, eine Ikone, eine Büste von Taras Schewtschenko. Und dann kam Nina Matwijenko in die Stadt und brachte die von ihr selbst gesammelten Lieder mit, aus den Dörfern, aus der Steppe, aus der nur in undeutlichen Erzählungen erinnerten Geschichte. Und sie brachte das auf die Bühne in einer absolut klaren, durchsichtigen Form, und so gesungen, wie man es zuvor noch nie gehört hatte. Ihre Auftritte waren nicht nur Vergegenwärtigung von Vergangenem, sondern Ereignisse von äußerster Aktualität. Und so wurde die Sängerin schließlich selbst zur Ikone.
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