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Tschernobyl-Austellung Freiburg: Rot ist die Schönheit, weiß ist die Trauer

Im Freiburger Augustinermuseum ist eine Ausstellung zu sehen: "Tschernobyl. Expeditionen in ein verlorenes Land".
 
Es ist die Reise in ein unbekanntes Land. Nein, dies ist nicht, was wir schon kennen. Nicht noch einmal die Katastrophengeschichte. Nicht die Geschichte der blinden Technikgläubigkeit, aus der sich der atomare GAU erklärt. Die fatale "Straße der Enthusiasten" lernten wir unlängst im Morat-Institut kennen. Hier aber ins Freiburger Augustinermuseum, in diese Ausstellung der Ethnologischen Sammlung, kommen wir und wissen nichts. "Tschernobyl. Expeditionen in ein verlorenes Land".

Die kommende Fußball-EM macht ja immerhin bewusst, dass da jenseits von Polen auch Europa ist. Was Tschernobyl angeht, genügte uns immer, dass wir das Ende kennen. Tschernobyl: Synonym der Katastrophe. Von der ukrainischen Stadt am Fluss Prypjat hörten wir nie mehr, als dass es sie gibt. Und von der Landschaft, in der sie liegt, der Polissja, nie. Terra incognita. Die Ausstellung ist ein Vorstoß nach dahin. Walter Mossmann, der Chansonpoet, Anti-AKW-Aktivist und Kenner von Freiburgs ukrainischer Partnerstadt Lemberg/Lviv, hat sie angeregt. Edgar Dürrenberger, Mitarbeiter an der Freiburger Ethnologischen Sammlung, hat das Projekt geleitet. Tatkräftig assistiert von Kollegen aus Lemberg.Die Lemberger Polissja-Forschung hat Geschichte. Das Museum für Ethnographie und Kunsthandwerk in Lemberg besitzt eine über lange Jahre gewachsene Sammlung, die es für Freiburg jetzt geöffnet hat. 1994 bis ’99 haben im staatlichen Auftrag, "kulturelles Erbe" zu bewahren, Lemberger Ethnologen dann nochmals in der radioaktiv kontaminierten, schon nahezu entvölkerten Sperrzone recherchiert und gesammelt. Was im Augustinermuseum zu sehen ist, geht nicht auf diese letzten Expeditionen zurück, sondern stammt aus musealem Altbestand. "Scherben einer verlorengegangenen Welt" (dies der Titel eines Katalogbuchbeitrags von Ludmilla Bulhakova, Projektleiterin auf Lemberger Seite).Die Polissja liegt für die Ukraine, für Weißrussland, Polen und Russland am Rand. Ein Land, an dem die Geschichte mit ihren Wandlungen vorbeizugehen schien. Die Bewohner, die Poleschuken, galten lange als rückständig. Doch war die Polissja nicht immer so aus der Welt. Von hier, wie man wohl annehmen muss, ging die Entwicklung der slawischen Sprachen und Kulturen aus. Ein historisches Kern-, nicht ein Randgebiet also. Hier fand die ethnographische Forschung, was sie suchte. Was andernorts an Gebräuchen und materieller Kultur längst verloren war. Ein im Buch zur Ausstellung vielfach gebrauchtes Wort ist "archaisch".Ein wald- und wasserreiches Land ist die Polissja, das das Bewirtschaften schwer machte. Die Äcker im Trockenen gaben nicht viel her, das Sumpfland war kaum zu bestellen. Aber die Wasserläufe und Seen waren voller Fisch, und in den Wäldern ließen sich Beeren, Pilze und Honig finden. Die Egge aus Weidenruten, Pflug und Mörser, Kahn, Reuse und Netz. Man hat dies schlichte Alltagsgerät in der Ausstellung vor sich. Und auf Panoramafotos die Häuser der Poleschuken. Blockhäuser, traditionell mit nur einem Raum, den ein großer Ofen teilt, der auch Kochstelle und im Winter Schlafstatt war. Die Möblierung war karg. Aber jedes christliche Haus hatte einen Ikonenwinkel – seinen Roten Winkel. Geschmückt war der mit Ruschniki. Und der Bedarf an diesen kultischen Schals war enorm. Auf einer wandgroßen Fläche prangen sie – nun im Museum ein Hauptmotiv – in ihrem Weiß und Rot. Rot hieß hier Schönheit. Man kennt nicht mehr den magischen Sinn des Dekors. Aber man weiß, wo überall sie ihren Platz hatten, die Ruschniki. Sie begleiteten das Leben. Die Hände der Brautleute wurden damit verbunden. Im Sarg fehlten sie nicht. Auf den Gräbern knüpften sie eine Verbindung zu den Toten. Und als unter sowjetischer Herrschaft die Ikonen verschwanden, schmückten die Ruschniki – diese Relikte aus vorchristlicher Zeit – die Galerie der Familienfotos.

Schuhe aus Rindenbast –ganz erstaunliche Flecht-Skulpturen – fanden noch bis in die 1960er Jahre Verwendung. Doch auch die sind nur mehr Museumsstücke. Wie die handgewebten Kleider, die Filzmäntel, die schönen Teppiche. Denn eine Geschichte des Verschwindens ist dies ja auch. Und in der unglücklichen Polissja, wo mit der Havarie des Atomkraftwerks Hunderte Dörfer verschwanden, ist es gewiss doch eine andere als anderswo.

Und war es: lange bevor "Tschernobyl" ein Name für die Apokalypse war. Dies Tschernobyl, muss man wissen, war einmal eine jüdisch geprägte Stadt. Und Pogrome gab es in Russland schon zur Zarenzeit. Die Nazis mechanisierten die Gewalt gegen Juden. Ihr Krieg im Osten war das Ende der jüdischen Kultur dort. Völkermord. Von den Deutschen ermordet wurde auch Maximilian Goldstein. Seine Sammlung von Judaica aber, die er ins Lemberger Museum gegeben hatte, überdauerte. Im Augustinermuseum gelangt man über die Treppe am Ende des großen Saals ins jüdische Schtetl.

Da in den Vitrinen materialisiert sich der Glaube, der das ganze Leben imprägnierte. Dass Gott das Licht sei – in den vielen Leuchtern wird es anschaubar. Die Besaminbüchse gab dem Sabbat seinen Duft mit ihren Kräutern und Gewürzen. Die metallenen Fische auf dem Boden des Wasserbeckens, das der rituellen Waschung diente, verheißen Glück und Schutz. Einem hölzernen Lesepult aus einer galizischen Synagoge ist ein symbolischer Storch eingeschnitzt. Chassida ist der Storch, der seine Jungen füttert; Chassida ist die fromme, liebe Mutter.

In Tschernobyl hatte die ostjüdische Erweckungsbewegung des Chassidismus ein Zentrum. Der Chassidismus, der von der Frömmigkeit im Alltag spricht, der mystischen Präsenz Gottes – des göttlichen Lichts – in allem. Dem Gläubigen schenkte er freudige Bejahung des Lebens. Nachum von Tschernobyl vertrat solch weltoffenen Gottesdienst. Ein Schüler des Baal Schem Tov war er, des Bescht, der als Begründer des Chassidismus gilt. Ein Mystiker und Wanderprediger ist dieser Menachem Nachum Twersky gewesen. Sein Sohn Mordechaj und die Enkel verstanden die Botschaft der Nächstenliebe auf ihre eigene Weise und machten aus ihrem Gottesmittlertum ein Gewerbe.

Vergessen haben die Chassidim in Israel und Nordamerika Tschernobyl bis heute nicht. Der Katastrophentourismus hat in dem berühmten Riesenrad der nahen Atomstadt Prypjat, das sich im Frühjahr ’86 zu keinem Frühlingsfest mehr drehte und immer noch steht, ein Sinnbild und Ziel. Tschernobyl ist nicht nur Geisterstadt, vielmehr auch Pilgerstätte. Männer mit langen Schläfenlocken kommen her. Einst mag es hier ausgesehen haben wie auf Chagalls frühen Bildern, die mit dem "Du sollst dir kein Bildnis machen" brachen.

Die ukrainische Dichterin Lina Kostenko hat das Bild vom Bernstein gefunden, in dem sie die Landschaft einschließt, in der das Leben seit dem Tag in jenem April still steht. Sie lässt es wie ein Menetekel betrachten. "Kann sein hier härtet sich schon der Bernstein / Aber die Menschheit weiß es nicht". Walter Mossmann zitiert. Und wer die Ausstellung anschaut, meint in den Bernstein zu schauen und auf das was er einschließt. Da hat sich etwas erhalten, das sein Leben verlor.

Für Poleschuken war Weiß die Farbe der Trauer.
– Augustinermuseum, Freiburg. 18. Dezember bis 18. März, Di bis So 10–17 Uhr.

Author: 
Badische Zeitung

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