Website erkunden

Abstimmung

Muss die Stadt Pripjat erhalten werden?:

Personal-GAU im Atommeiler

An den deutschen Universitäten werden die Ausbildungskapazitäten im Bereich Kerntechnik heruntergefahren. Der Fachkräftemangel in Kernkraftwerken wird nun zum Sicherheitsfaktor. Doch auch andere Risiken sind hoch.

Ein Atomkraftwerk ohne Reaktorfahrer im Leitstand? Eine gespenstische Vorstellung. Doch offenbar möglich. Kein geringer als der Chef des baden-württembergischen Stromkonzerns EnBW, Frank Mastiaux, spielte jüngst die nukleare Kassandra. Wegen der Energiewende wachse die Unsicherheit unter den Mitarbeitern darüber, wie es mit dem Unternehmen weitergehe, sagte Mastiaux auf der EnBW-Jahrespressekonferenz in Karlsruhe. „Unsere Mitarbeiter haben Alternativen. Wenn die Unsicherheit anhält, gehen sie weg“, warnte der Konzernchef. „Und dann ist die Leitwarte irgendwann leer.“

 

Natürlich wollte Mastiaux keine Angst vor führerlosen AKWs verbreiten. EnBW könnte seine beiden Reaktoren Neckarwestheim 2 und Philippsburg 2 ohne geschulte und erfahrene Bedienmannschaften auf dem Leitstand ja überhaupt nicht betreiben. Aber der Manager, der den ehemals mit fünf Reaktoren stark atomlastigen Konzern zum Grünstrom- und Energie-Dienstleister umbauen muss, wies damit auf eines der Risiken hin, die es beim Restbetrieb der deutschen AKWs bis zum endgültigen Ausstieg im Jahr 2022 gibt: die Abwanderung von routiniertem Personal und der fehlende Nachwuchs in einer absterbenden Branche.

Von den ehemals 19 deutschen AKWs laufen noch neun. Zwei davon, Obrigheim und Stade, wurden aufgrund des rot-grünen Atomausstiegs von 2000 abgeschaltet, acht dann auf einen Streich nach der Fukushima-Katastrophe 2011. Der Rest geht nun sukzessive vom Netz, der nächste Meiler, Grafenrheinfeld in Bayern, ist in diesem Mai dran. „Der Anreiz für junge Leute, Reaktortechnik zu studieren, ist minimal“, sagt Nuklear-Experte Christoph Pistner vom Öko-Institut, der auch in der Reaktor-Sicherheits-Kommission des Bundes (RSK) sitzt.

Tatsächlich sind an den deutschen Universitäten und Technischen Hochschulen die Ausbildungskapazitäten im Bereich Kerntechnik heruntergefahren worden. Zudem kämen viele aus den altgedienten AKW-Mannschaften nun ins Pensionsalter. „Es gibt immer weniger AKW-Spezialisten, die ,ihren‘ Reaktor schon lange kennen und mögliche Unfallursachen aus dem Effeff durchdeklinieren können“, warnt Pistner. Dass die Reaktorfahrer im Ernstfall richtig reagieren können, ist trotz aller Computersteuerung wichtig.

Nach dem Abschalten der ältesten Meiler sind die technischen Gefahren des AKW-Betriebs deutlich verringert. Doch auch sie sind nicht gleich null. Etwa bei den beiden Blöcken im bayerischen Gundremmingen: Anders als die restlichen sieben Reaktoren sind es keine Druckwasser-, sondern Siedewasser-Typen. Der Dampf, der die Turbinen zur Stromproduktion antreibt, ist radioaktiv – sie bergen damit ein Sicherheitsdefizit.

Kritische Experten warnen seit dem Ausstieg 2.0 nach Fukushima davor, sich in falscher Sicherheit zu wiegen. Auch in der „Restlaufzeit“ bestünden Risiken – etwa durch eine mangelnde Sicherheitskultur, eventuelle Brände oder altersbedingte Ausfälle der Sicherheitssysteme.

Laut einer 2013 erschienen Studie im Auftrag des Umweltverbandes BUND sind vier der neun Reaktoren – Grafenrheinfeld, Gundremmingen B und C, Philippsburg 2 – weder ausreichend gegen Erdbeben noch gegen Fluss-Hochwasser geschützt. Einen zu geringen Erdbebenschutz gebe es auch in Grohnde, Emsland und Isar 2, einen zu geringen Hochwasserschutz in Grohnde, Brokdorf und Neckarwestheim 2. Solche Parameter lassen sich nun nicht mehr oder nur mit hohem finanziellen Aufwand beheben.

Author: 
Joachim Wille

Post new comment

The content of this field is kept private and will not be shown publicly.
  • Web page addresses and e-mail addresses turn into links automatically.
  • Allowed HTML tags: <a> <em> <strong> <cite> <code> <ul> <ol> <li> <dl> <dt> <dd> <img> <h3> <b> <i> <u>
  • Lines and paragraphs break automatically.

More information about formatting options

CAPTCHA
Diese Frage hat den Zweck zu testen, ob Sie ein menschlicher Benutzer sind und um automatisiertem Spam vorzubeugen.
Bild-CAPTCHA
Enter the characters shown in the image.