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Deutsche halten Atomkatastrophe auch in Westeuropa für möglich

Tschernobyl liegt 30 Jahre zurück, aber die Angst ist geblieben. Ein ähnlicher Unfall sei auch in Mittel- und Westeuropa denkbar, sagt eine große Mehrheit der älteren Deutschen.

Am 26. April 1986 geriet im Atomkraftwerk Tschernobyl ein Experiment außer Kontrolle. Die Bediener-Crew wollte das Not- und Nachkühlsystem des Reaktors testen, was gründlich schiefging. Reaktor vier flog in die Luft, große Mengen radioaktiver Nuklide wurden freigesetzt. Tagelang brannte der zerstörte Meiler, Tausende Arbeiter wurden verstrahlt.

Spätestens seit diesem bislang schwersten Nuklearunfall überhaupt hat es die Atomkraft schwer in Deutschland. Und die Skepsis der Menschen ist nach wie vor groß, wie eine neue Greenpeace-Umfrage zeigt, die SPIEGEL ONLINE vorliegt. Demnach halten 85 Prozent der Deutschen über 45 Jahre einen ähnlich schweren Atomunfall auch in Mittel- und Westeuropa für möglich.

TNS-Emnid hat im Auftrag der Umweltschutzorganisation Greenpeace 1012 Menschen in Deutschland zu Tschernobyl befragt, die 1986 mindestens 15 Jahre alt waren. 61 Prozent der Teilnehmer sagten, der Atomunfall habe ihre persönliche Meinung über die Atomkraft negativ verändert. 66 Prozent erklärten, sie hätten im Unfalljahr Sorge gehabt, dass Tschernobyl sie auch persönlich betreffen könne.

Die Ängste kommen nicht von ungefähr: Im März 2011 zeigte sich im AKW Fukushima , dass verheerende Atomunfälle auch in den angeblich deutlich sichereren Kraftwerken westlicher Bauweise passieren können. Die Atomlobby hatte immer wieder erklärt, die spezielle sowjetische Bauart und die schlechten Sicherheitsstandards seien schuld gewesen am GAU in Tschernobyl.

Der dortige Meiler vom Typ RBMK nutzte zum Abbremsen der schnellen Neutronen Graphit. Die Neutronen entstehen bei der Kernspaltung, müssen aber abgebremst werden, damit sie weitere Kernspaltungen auslösen. In Tschernobyl geriet dieser Vorgang außer Kontrolle. Die Leistung stieg bis auf den hundertfachen Wert über normal, der Brennstoff überhitzte, das Reaktorgebäude wurde zerstört.

Ein solch unkontrollierter Leistungsanstieg sei in Leichtwasserreaktoren, wie sie in Deutschland genutzt werden, nicht möglich, erklärt unter anderem die Lobbyorganisation Deutsches Atomforum. Außerdem verfügten die Meiler hierzulande über druckfeste Sicherheitsbehälter, welche die Freisetzung radioaktiver Stoffe verhindern sollen. Ein weiteres Sicherheitsargument für westliche Meiler: Weil Wasser zugleich als Moderator und Kühlmittel eingesetzt werde, komme die Kettenreaktion automatisch zum Erliegen, sobald es an Wasser mangle.

Das stimmt tatsächlich, doch in Fukushima geschah etwas, mit dem AKW-Experten so nicht gerechnet hatten. Die nach dem schweren Erdbeben automatisch abgeschalteten Meiler überhitzten, weil sowohl die Stromversorgung als auch bereitstehende Notstromaggregate ausgefallen waren. Die Kühlpumpen konnten nicht betrieben werden, um die gigantische Restwärme der Brennstäbe abzuführen. Es kam teils zu Kernschmelzen und Explosionen, die Sicherheitsbehälter wurden zerstört.

Streit um Biblis, Cattenom, Tihange

Nach dem Gau von Fukushima musste sogar die eigentlich AKW-freundliche CDU von Kanzlerin Angela Merkel den Atomausstieg für Deutschland beschließen.

Für eine stetige Verunsicherung der Menschen hierzulande sorgen zudem die Pannen und Zwischenfälle an diversen AKW in Mittel- und Westeuropa. Erst kürzlich wurde bekannt, dass Sicherheitskontrollen in den deutschen Kraftwerken Philippsburg 2 und Biblis nur vorgetäuscht worden waren .

Heftigen Streit gibt es außerdem wegen der französischen Kernkraftwerke Fessenheim und Cattenom nahe der Grenze zu Deutschland, deren Stilllegung von deutscher Seite immer wieder gefordert wird. Ähnlich umstritten sind die Meiler Tihange 2 und Doel 3 in Belgien, die trotz Rissen in Druckbehältern weiterlaufen. Die Bundesregierung ersuchte Belgien kürzlich sogar, die zwei Reaktorblöcke aus Sicherheitsgründen vorübergehend vom Netz zu nehmen - ein ungewöhnlicher Schritt.

Für Greenpeace ergibt sich aus Tschernobyl und den Pannen westeuropäischer Meiler eine klare Forderung: "Europa muss aus der Atomkraft aussteigen", wie Tobias Münchmeyer sagt, Nuklear-Experte der Umweltschutzorganisation. Es sei ein Skandal, dass "Schrottmeiler" wie Fessenheim, Tihange und Doel noch liefen.

Author: 
Holger Dambeck

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