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Blindekuh mit Geigerzähler: Die Strahlenwüste von Tschernobyl ist ein morbides Reiseziel, ein Abenteuerspielplatz fürs Selfie-Publikum. Hier floriert der Schwarze Tourismus - manche nennen es auch "Ruinen-Porno".

Schritte knirschen über zertretenes Glas, Kameras piepsen. Eine Besuchergruppe drängt durch eine evakuierte Schule in der Sperrzone von Tschernobyl. Vergilbte Lehrbücher auf den Tischen, sowjetische Propaganda an den Wänden, ein Haufen Gasmasken, teils bizarr drapiert. Im Halbdunkel glühen Handybildschirme. Und den Takt tickert der Geigerzähler, der kleine, böse Herzschlag der Gammastrahlen.

"Ganz schön morbide hier", sagt Alex aus München. Der smarte Mittzwanziger macht ein paar Selfies, cool lächelnd vor Untergangskulisse: "Ich mag besondere Erlebnisse." Er arbeitet bei einem Onlineportal und reist gern an exotische Orte: zum Nyiragongo-Vulkan im Kongo, zu Berggorillas in Ruanda, einem Parabelflug mit einem Airbus, einer Pauschalreise durch Nordkorea.

Alex ist mit ein paar Schulfreunden hier. Der Trip war seine Idee, er gilt als Spezialist für Abwegiges. Tschernobyl ist eine starke Marke: die Postapokalypse als leicht konsumierbares Produkt.

In Tschernobyl explodierte am 26. April 1986 ein Reaktor - der größte Atomunfall der Geschichte. Viele Bilder sind heute ikonisch: der havarierte Block 4, nur noch ein rauchendes Loch nach der Explosion. Evakuierungskonvois bringen mehr als 200.000 Menschen aus der Gefahrenzone. Wölfe, Wisente, Wildpferde streifen 30 Jahre später durch verlassene Dörfer. Alteingesessene Bewohner, sogenannte Samosely oder "Self-Settler", ernten hier halblegal strahlenbelastete Kartoffeln, obwohl das Areal eigentlich im Umkreis von 30 Kilometern gesperrt ist.

Von einem anderen Tschernobyl wird seltener berichtet: einem Ziel des "Dark Tourism", zelebriert auf Webseiten wie Atlas Obscura . Dieser Schwarze Tourismus lockt mit Albtraumstätten statt Traumstränden. Hiroshima, Verdun, Gettysburg, Pompeji - Orte von Schrecken, Schmerz und Trauer. Manche nennen es auch "Ruin Porn".

"Hallo, mein Name ist Alexej, ich bin heute euer DJ", moderiert Alexander Rybak ins Mikrofon. Er ist Touristenführer und nennt sich lieber "Explorer". "Herzlichen Glückwunsch, dass Sie heute den verrücktesten Ort der Welt besuchen." Alle im Bus lachen. Sie haben in Kiew über 100 US-Dollar bezahlt, um Tschernobyl zu besuchen. Schwarzer Humor grundiert den gesamten Trip und verbindet wie eine Lingua Franca die Ukrainer und Deutschen, Argentinier und Amerikaner an Bord.

Nach zweistündiger Fahrt passiert der Bus den Checkpoint. Soldaten kontrollieren die Besucher, hinter Schildern, die vor erhöhter Strahlung warnen. Tschernobyl gilt als postapokalyptischer Un-Ort, Inbegriff einer todbringenden Strahlenwüste. Schlechter kann ein Ruf nicht sein. Genau deshalb floriert hier der Tourismus: Allein 2015 registrierte die Zonenverwaltung 16.386 Besucher aus 84 Ländern.

"Es gibt nicht das eine Tschernobyl", sagt Alexeij, der Explorer. "Jeder sieht hier das, was er mitbringt." Über 500 Touristengruppen hat er bereits begleitet. Manche waren still und bedrückt, andere ließen sich grölend mit Wodka volllaufen, erzählt der Endzwanziger. Er wurde mit seiner Familie umgesiedelt, als er ein Kind war, später studierte er Englisch und Literatur. Sein Lieblingswerk über Tschernobyl? "Ich brauche keine Bücher über die Zone", sagt er. "Das ist ja Familiengeschichte für mich."

Alexeij trägt ein verschmitztes Lächeln und eine paramilitärisch wirkende Uniform. Hinter ihm ragt eine über hundert Meter hohe Antenne namens Duga (Specht) auf. Die Sowjetarmee benutzte sie einst als Frühwarnsystem, um Raketenstarts in den USA zu erlauschen. Auf Landkarten war die Militärbasis als "ehemaliges Pionierlager" getarnt.

Nächste Station: der Katastrophenreaktor, riesig und drohend, ummantelt von Beton, dem sogenannten Sarkophag. Die Strahlendosis hier beträgt über 3 Mikrosievert pro Stunde, zwanzigfach mehr als die Normalbelastung in einer Großstadt. Andererseits: deutlich unter der Strahlendosis bei einem Transatlantikflug - so versichert es ein Flugblatt im Bus.

"Die Ukrainer denken leider immer nur einmal im Jahr an Tschernobyl, zum Jahrestag", sagt Jurij Urbanski. Der große, schwermütige Mann mit dem patriotischen Dreizack auf dem T-Shirt leitet die ukrainische Umweltschutzorganisation Necu . Sie wirbt für den Atomausstieg - eine unpopuläre Idee, denn Kernenergie bedeutet Unabhängigkeit vom verhassten Russland und macht daher rund die Hälfte im Energiemix der Ukraine aus.

Tschernobyl ist zwiespältig für Urbanski. Als sich das Unglück ereignete, war er ein Teenager, seine Eltern schickten ihn für sechs Wochen ins Sommercamp. Er fand das damals großartig. Heute feiert er hier seinen 43. Geburtstag.

Vor dem Sarkophag drängeln sich Touristengruppen aus aller Welt, die Besucher wirken aufgekratzt wie bei einem Schulausflug. "Exclusion Zone" wird die Sperrzone auf Englisch genannt. Passend, den Besuchern verspricht sie eine gewisse Exklusivität ihrer Selfies.

Weil der alte Sarkophag brüchig wird, entsteht 300 Meter daneben eine gigantische neue Schutzhülle. Sie soll über 35 Millionen Kilo wiegen, hundert Jahre halten und über zwei Milliarden Euro kosten. Für ein fundiertes Wissensfundament dagegen fehlt oft das Geld: Eine Uno-Arbeitsgruppe etwa klagt, dass die Krankenakten der Helfer von einst verstreut und unsystematisch verwaltet werden, was die Forschung erschwert. Selbst profilierte Strahlenökologen haben Mühe, ihre Tierstudien finanziert zu bekommen, um die Wirkung chronischer Strahlenbelastung auf Tiere und Pflanzen in der Sperrzone zu erhellen.

Wie groß sind die Schäden, was lernen wir aus Tschernobyl? Diese Fragen sind umstritten und politisch kontaminiert. In diesem Wissensvakuum wuchert heute das wilde Gedenken: Jeder sieht hier, was er will.

Eine andere Tour ein paar Tage später, eine andere Attraktion in der Zone: ein verlassenes Krankenhaus. "Ok, alles aussteigen, ihr habt eine halbe Stunde Zeit", ruft Sergeij Teslenko, ein gut gelaunter Mittzwanziger mit raspelkurzem Haar, "und passt auf, falls die Zombies kommen". Zombiewitze reißt er ständig, eine Anspielung auf Filme wie "Chernobyl Diaries" mit der Zone als Gruselkulisse. Auch Computerspiele wie "S.T.A.L.K.E.R.", "Call of Duty 4" oder "Fallout" bilden für Besucher feste Bezugspunkte.

Wer vor Ort ein informatives Museum erwartet oder wenigstens einen Buchladen, wird enttäuscht. Ein Restaurant in der Ortschaft Tschernobyl bietet lediglich Erinnerungs-T-Shirts und Postkarten an. Alles weitere ist den Besuchern selbst überlassen. Kein Aufklärungsort, nirgends.

Für die Anbieter ist der Tschernobyl-Tourismus lukrativ. Die Landeswährung Hrywnja wurde stark abgewertet durch die politisch instabile Lage, viele Menschen verdienen pro Monat kaum mehr, als eine Zonen-Tour kostet. Auf Webseiten wie Chernobylstore kann man Pauschaltouren buchen oder ein ganz persönliches Abenteuer zusammenklicken: Den Besuch bei halblegalen Siedlern in der Sperrzone gibt es zum Aufpreis von 17,70 Euro auf die Tagespauschale. Ein Filmdrohnen-Einsatz kostet satte 206,20 Euro an Lizenzgebühren.

"Boah, ich hatte gerade 3 Mikrosievert, krass!"

Für Besucher wird die Katastrophe konsumierbar gemacht: im Bus ein Dokumentarfilm während der 110 Kilometer Anfahrt von Kiew, danach einige Musikvideos, etwa von der Band Cruxifix, gedreht in geisterhaften Ruinen in der Zone.

Freudig tobt jetzt die Gruppe durch die verlassenen Räume des evakuierten Krankenhauses, fotografiert die staubigen Betten und fährt weiter nach Prypjat, der zwei Kilometer vom Kraftwerk enfernten Ruinenstadt.

"Das Atom ist Arbeiter, nicht Soldat". Dieser Propagandaspruch zur zivilen Nutzung der Kernenergie prangt hoch oben auf einem bröckelnden Plattenbau unweit vom Leninplatz. Prypjat wurde 1970 für rund 50.000 Kraftwerksarbeiter als eine sozialistische Idealstadt errichtet. Es galt als Privileg, im Schatten des Reaktors zu leben, man versprach den Einwohnern eine strahlende Zukunft. Die kam - anders als gedacht. Der Freizeitpark, der am 1. Mai 1986 eröffnen sollte, wurde nie benutzt.

Die Region ist eine Risikolandschaft. Nur ein paar Schritte, schon schlägt der Geigerzähler Alarm. Grün ist hier Warnfarbe. Der Boden, Moos, Gras und Laub sind oft höher belastet als die Umgebung. Das Knacken des Strahlenmessgeräts regt ein Kopfkino an: Wie war es, hier zu leben - und zu sterben? Man kann es den Pompeji-Effekt nennen: das Frösteln an Orten, wo der Alltag durch eine Tragödie abrupt endete.

Alexeij hat recht: Jeder sieht hier, was er mitbringt.

"Boah, da drüben hatte ich gerade 3 Mikrosievert pro Stunde, krass", ruft ein Besucher und zeigt stolz seinen Geigerzähler. "Und ich erst, heute morgen hatte ich einmal 10", antwortet sein Kumpel. Beide haben sich sicherheitshalber Staubmasken aus dem Baumarkt übers Gesicht gezogen. Für sie ist der Trip auch: Topfschlagen mit Gammastrahlen, Blindekuh mit Geigerzähler.

"Könntest du mal aus dem Bild gehen?", bittet eine Besucherin. Sie sucht im verwaisten Schwimmbad ein stimmungsvolles Motiv für ihr Facebook-Profil. Auffällig oft sind die Fotos aus der Evakuierungszone als menschenleere Stilleben inszeniert, obwohl sie oft im Gedränge einer Gruppe entstanden: verstaubte Puppen, zerfledderte Schulbücher, ein Haufen Gasmasken. Die Bildsprache orientiert sich am alten Motiv der Vanitas , des vergänglichen Augenblicks.

"Ich hätte gern ein Ticket", sagt Katie Woginrich, eine junge Amerikanerin, am rostigen Kassenhäuschen des Riesenrads, das nie in Betrieb ging. Eine Mitreisende sitzt hinter dem Fenster und reicht ihr eine imaginäre Fahrkarte. Dann blickt sie erschreckt gen Himmel, als sähe sie eine Giftwolke, und flucht: Verdammt! Ein Tourist filmt sie mit ihrem Handy.

Ist dieses Laientheater albern und respektlos? Ihre Familie stamme ursprünglich aus der Ukraine, erzählt Katie; daheim heißt sie Ekaterina. Derzeit jobbt sie als Lehrerin in der Normandie. Aber sie bekam Heimweh, nun steht sie hier. Als sie ein Kind war, erzählte ihr Vater von der Tragödie von Tschernobyl, vom Heldenmut der Arbeiter, vom Leid der Familien. Für Katie sind die zerbröckelnden Ruinen ein Stück Heimat.

Als sie das kleine Video nach Hause mailt, erklären ihre Großeltern sie umgehend für verrückt. Ihr Vater jedoch ist begeistert. Katie posiert im rissigen, gelben Kunststoffsitz auf dem Riesenrad im vielleicht traurigsten Vergnügungspark der Welt. Sie lächelt.

Vielleicht kann die schrille Bilderflut im Netz auch Auftakt und Anknüpfungspunkt sein, um aus dem Abenteuerspielplatz Tschernobyl einen Lernort zu machen. Vielleicht braucht man dafür gar kein physisches Museum. Vielleicht gibt es schon zum nächsten Jahrestag ein kluges Computerspiel, eine smarte Virtual-Reality-Umgebung oder einfach eine App, um Kontext, Fakten und Hintergründe anzubieten.

Aufbruch, Rückfahrt, zwei Checkpoints, letzte Fotos am Strahlendetektor: Hier müssen Katie und alle anderen die Hände auf zwei Messflächen auflegen, bevor sie ausreisen aus der Grauzone des Schwarzen Tourismus.

"Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder", sagt Sergeij grinsend zum Abschied. "Spätestens nach dem nächsten Unfall."

Author: 
Spiegel Online

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