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Journalisten und Politiker als Verharmloser von Hochrisikosystemen
05.07 2007

Journalisten und Politiker als Verharmloser von Hochrisikosystemen


Die Braende in den AKW Brunsbuettel und Kruemmel waren kaum geloescht, da setzte sich schon die uebliche mediale Verharmlosungsmaschine der Nukleargemeinde in Bewegung.

Bjoern Schwentker schreibt in der ZEIT unter dem Titel: „Stoerfaelle ohne Gefahr": "Pannen wie in den Kernkraftwerken Kruemmel und Brunsbuettel seien normal und ungefaehrlich, sagen Experten. Doch die Ursachen sind noch nicht geklaert.“ In der uebersicht auf der ersten Seite der ZEIT-Homepage wird daraus kurz und buendig: "AKW-Stoerfaelle: Kruemmel und Brunsbuettel: Keine Gefahr".

Die Mietfeder zitiert als Quelle ihrer schamlos verniedlichenden Eroerterung ausgerechnet einen mit besonders sonnigem Gemuet ausgestatteten Mitarbeiter der betreibernahen Gesellschaft fuer Reaktorsicherheit: "Dass ein Transformator brennt, ist nicht ungewoehnlich", sagt Horst May, Fachsprecher der GRS.“ Sucht man fuer die doppelte Verneinung „nicht ungewoehnlich“ = "gewoehnlich" im Deutschen Woerterbuch Wahrig nach Synonymen, so finden sich die Adjektive „ueblich“ und „alltaeglich“. Trafobraende sind demnach in Atomkraftwerken ueblich, ja alltaeglich!


Da ist man schon froh, dass es in jedem deutschen Atomkraftwerk durchschnittlich nur fuenfmal im Jahr zu einer Reaktorschnellabschaltung kommt. Denn die ist auch nicht ganz ungefaehrlich. AKW- Anwohner, die es oefters in der Naehe schwer rappeln hoeren, koennen das bestaetigen. Schliesslich muessen bei dem delikaten Vorgang die zur Abregelung der Kettenreaktion benoetigten Steuerstaebe mit High-Speed in die dafuer vorgesehenen Stellen im Reaktorkern eingefahren werden. Wenn sie nach dem Ausklinken nicht schnell genug ihre Plaetze einnehmen, wenn sich Bauteile wegen der Gluthitze im Reaktor verformt haben, kann es zu unangenehmen ueberraschungen wie in Tschernobyl kommen.

Wie wir erst heute erfahren, hat sich in Brunsbuettel ein Steuerstab offenbar bei der Reaktorschnellabschaltung „etwas Zeit gelassen“. Eine euphemistische Einschaetzung. Warum der Steuerstab klemmte, wurde nicht mitgeteilt. Wer danach schlicht zur Tagesordnung uebergehen kann und den Reaktor ohne sorgfaeltige Pruefung des Problems wieder hochfaehrt, der braucht schon jede Menge Chuzpe und gute Beziehungen.

Charles Perrow beschreibt in seinem Buch „Normale Katastrophen“, welche Folgen triviale Ereignisse in nicht trivialen Systemen haben koennen. 1980 blieb ein Putzmann beim Wischen des Fussbodens in einem Reaktornebengebaeude im AKW North Anna (USA) mit dem Hemdsaermel an einem vorstehenden Trennschalter an der Wand haengen. Bei dem Versuch loszukommen betaetigte er, ohne es zu bemerken, den Unterbrecher. Der Reaktor schaltete sich zum Glueck per Reaktorschnellabschaltung automatisch ab, weil nun der Steuermechanismus fuer die Regelstaebe ohne Strom war. Der triviale Vorfall verursachte einen viertaegigen Stillstand, der die Betreiber mehrere hunderttausend Dollar kostete. Der Vizepraesident der Gesellschaft lobte „das hohe Reaktionsvermoegen auf die geringfuegigste Abweichung vom normalen Betriebsverlauf und die hohe Faehigkeit der Kernreaktorsysteme, im Rahmen der vorgesehenen Sicherheitsmassnahmen die Anlage unverzueglich abzuschalten“. Das war eine verharmlosende Fehleinschaetzung zur bewussten Irrefuehrung der oeffentlichkeit.

Perrow beurteilte den Vorfall dagegen richtig: „Die Abschaltung der Stromzufuhr zu einem wichtigen Sicherheitssystem laesst sich wohl kaum als geringfuegige Abweichung vom normalen Betriebsverlauf bezeichnen“.

Wie wir aus dem Stoerfall im AKW Forsmark gelernt haben, duerfen wir alltaeglich auftretende Stoerungen keinesfalls ausser Acht lassen. Denn sie koennen gravierende Folgen haben. Keine der bisherigen Katastrophen im Nuklearbereich, weder in Three Mile Island (Harrisburg) noch in Tschernobyl war dem Zufall oder menschlichem Versagen geschuldet. Das versuchen uns die Politiker zwar jedes Mal danach einzureden. Aber die Wahrheit ist, dass Atomkraftwerke komplexe Hochrisikosysteme darstellen, in denen eine Vielfalt eng gekoppelter und blitzschnell ablaufender Prozesse existiert, deren Interaktion vorab nicht zu kalkulieren ist.

Die Wahrheit ist, dass es im AKW Brunsbuettel schon eine Vielzahl von geringfuegigen Fehlern und Stoerungen gegeben hat, aus denen sich ein schwerer Systemunfall haette entwickeln koennen. Die Wasserstoffexplosion am 14. Dezember 2001 (s. Scusi v. 29.06.07) die offenbar vertuscht werden sollte, um die Anlage am Netz lassen zu koennen und Strom zu verkaufen, war eine abnorme Situation. Die Betriebsmannschaft hat sie einfach ignoriert und nicht eingehend untersucht. Erst durch die Aufsichtsbehoerde ist die Schlamperei aufgedeckt worden. Es vergingen Monate der Untersuchung, in denen der AKW-Betreiber immer nur soviel Schuld und Versagen einraeumte, wie ihm gerade durch den TueV-Nord und die anderen Gutachter nachgewiesen werden konnte. Erst als die Sache im Bundestag zur Sprache kam, erfolgte ein groesseres Personalrevirement und nahm der Direktor des Atomkraftwerks seinen Hut (s.o., "Brunsbuettel").

Ein funktionierendes Atomkraftwerk ist ein Goldesel, mit dem man jeden Tag eine halbe Million Euro verdienen kann (netto). Um so erstaunlicher ist der Mangel an Sachkenntnis, uebersicht und Engagement bei leitenden Angestellten der Stromversorgungsunternehmen und die Gier der privaten Eigentuemer und ihrer Interessenverbaende, die auch noch den letzten Cent aus ihren maroden Anlagen pressen. Dabei nehmen sie in den USA haeufig die Verletzung von Betriebsvorschriften, unzureichende Betriebsausbildung, Schwachstellen beim Strahlenschutz, die unkontrollierte Freisetzung strahlender Partikel in die Luft, mangelhafte Aufsicht ueber feste und fluessige radioaktive Abfaelle und mangelhaften Feuerschutz in Kauf (s. Bericht der U.S. Nuclear Regulatory Commission, 1981). Die Zustaende in den USA dienen informell weltweit als „Mindeststandard“ fuer die Sicherheit in den nuklearen Anlagen. Die Schlamperei bei den Privaten beweist, wie notwendig es ist, alle Atomkraftwerke und sonstigen nuklearen Anlagen samt Verbundnetzen und Stromversorgern in Deutschland zu verstaatlichen.

Wuerde es in Deutschland in einer der maroderen Atomschleudern zum Schlimmsten kommen, wuerde der Schaden mehrere Billionen Euro betragen. Versichert ist von dieser Summe durch den Betreiber nur ein laecherlicher Bruchteil: 2,5 Mrd Euro sind die Haftungshoechstgrenze. Die riesige Deckungsluecke geht zu Lasten derer, die danach noch leben und gesund genug sind, um zu arbeiten.

Alle Schadensprognosen fuer den Super-GAU haengen stark vom Wetter am Tag der Katastrophe ab. Windrichtung und Windstaerke beeinflussen die Freisetzung der Radioaktivitaet und ihren Transportweg. Die schon ziemlich veraltete „Deutschen Risikostudie“ (Verlag TueV-Rheinland, 1980) beruecksichtigt in einem Ba(ga)ttelle-Modell 115 Wetterablaeufe, 36 Windrichtungen und 19 AKW-Standorte. Battelle prognostizierte fuer einen AKW-Unfall im Rheingraben einen maximalen Schaden von 470 Milliarden DM.

Die Habilitationsschrift „Verbrauchernahe Kernkraftwerke aus Sicherheitstechnischer Sicht“ (Oktober 1986) von Prof. Wolfgang Kroeger errechnete den Schaden auf der Basis eines erweiterten Modells und nannte einen maximalen Finanzschaden von 2000 Milliarden DM, also ca. eine Billion Euro. ueber diese „Schaetzung“ wurde in gewoehnlich gut unterrichteten Fachkreisen nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen. Alle wussten, da hilft nur beten.

Zwar ist die Eintrittswahrscheinlichkeit des Super-GAU gering, einmal in 10000 Reaktorbetriebsjahren soll er sich ereignen. Aber das kann heute Nacht sein. Wegen der missverstaendlich formulierten, zweideutigen Propaganda des Atomforums e.V. und anderer bezahlter Polit-Verharmloser zum nuklearen "Rest"-Risiko glaubten vor Tschernobyl sehr viele Deutsche, die nukleare Katastrophe koennte f r ue h e s t e n s erst i n 10000 Jahren passieren. So wurde durch gezielte Verharmlosung der Gefahr jahrzehntelang Akzeptanz erschlichen. Jetzt konzentrieren sich die globale Atommafia, die WANO und ihre regionalen Untergruppen auf das CO_2 - Minderungs-Argument und versuchen mit der angeblichen Klimafreundlichkeit der AKW alle anderen Gefahren aus der oeffentlichen Diskussion zu verdraengen. Dabei gibt es nirgendwo auf der Welt, noch nicht mal in den USA, ein sicheres Endlager fuer den hochgefaehrlichen, Jahrtausende strahlenden Atommuell. "Nach uns die Sintflut" ist das wahre WANO-Motto.

Wer schon mal ernsthaft verschlafen hat, erinnert sich mit Schrecken daran, dass er beim hastigen Aufbruch ins Buero auch noch den mitzunehmenden Haus- und Autoschluessel vergessen hat. Das wird in der Regel erst nach dem Verlassen des Hauses, wenn man die Haustuer schon hinter sich zugeschlagen hat, bemerkt. Steht man erst ratlos vor dem Wagen, faellt einem obendrein auch ein, dass die Kaffeemaschine noch an ist.

Im Berufsalltag ist das kein Problem, eine normale Katastrophe. Es gibt Schluesseldienste. Kaffeemaschinen haben kein katastrophales Potential und schalten sich nach einer gewissen Zeit von selbst aus oder sollten das zumindest tun. Schlimmstenfalls - bei Billigimporten aus Taiwan - brennt die ganze Bude ab.

Was aber passiert, wenn sich wegen eines trivialen Fehlers ein Kernreaktor nicht abschaltet. Wenn ein Atommeiler durchgeht, der die Radioaktivitaet von tausend Hiroshimabomben enthaelt? Die GRS mit Sitz in Koeln hat darauf in Wahrheit nur eine rheinische Antwort: „Et haett noch immer joot jejangen“. Aber diese rheinische Weisheit spendet seit Tschernobyl keinen Trost mehr.

 

Full publication text: http://www.pickings.de
Author Valentina

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