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"Das können wir uns nicht leisten" - Interview Deutschlandfunk

Der Vorstandsvorsitzende des Windenergieanlagen-Herstellers RePower Systems, Fritz Vahrenholt, plädiert dafür, die Laufzeiten der deutschen Atomkraftwerke zu verlängern. Die 2001 beschlossene vorzeitige Abschaltung der Kraftwerke würde zu stärkerer Abhängigkeit von Exporten führen, erklärte Vahrenholt. Bei längeren Laufzeiten für Atomkraftwerke bliebe hingegen Luft, um erneuerbare Energien zu entwickeln.

Jochen Spengler: Herr Vahrenholt, Klimaschutz ist das Hauptanliegen der Europäischen Kommission, also eine Verringerung des CO2-Ausstoßes. Notwendig dafür, so sagt sie, sei die Atomkraft. Die CSU stimmt da zu und sagt, Atomkraft sei nötig als Übergangslösung und Brücke in den künftigen Energiemix. Das ist auch eine Formulierung, die von Ihnen hätte stammen können, oder?

Fritz Vahrenholt: Die stammt von mir, denn ich sage das seit Jahren. Natürlich wird die langfristige Energieversorgung sich sehr viel stärker auf erneuerbare Energiequellen stützen. Wir werden 2020 in der Lage sein, 20, 25 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien zu schöpfen, maßgeblich zum Beispiel durch riesige Offshore-Windfarmen, an denen wir ja auch als Technologiefirmen mit beteiligt sind.

Spengler: Was ist denn mit den 75 Prozent Rest?

Vahrenholt: Richtig. Aber die Frage, die sich stellt, das ist 2020, was passiert in der Zwischenzeit, und das ist die entscheidende Frage, denn wir beginnen ja durch den Ausstiegsbeschluss im nächsten Jahr, Jahr für Jahr ein Kernkraftwerk abzustellen in der Größenordnung von 1000 Megawatt, und das bedeutet, am Ende werden wir 25 Prozent der preiswertesten Energie der Stromerzeugung abgeschaltet haben. Das können wir uns nicht leisten. Wir können nicht drei Dinge gleichzeitig tun, im Klimaschutz Vorreiter sein, eine wettbewerbsfähige Stromerzeugung für unsere Industrie, denn darum geht es, um den Kernbestand unserer industriellen Produktion in Deutschland zu erhalten, und drittens uns auch noch weniger abhängig zu machen, das dürfen wir auch nicht vergessen. Wer glaubt, 25 Prozent mal eben auf die Müllhalde schicken zu können und keinen Ersatz hat dafür, muss importieren, und das bedeutet am Ende, wir sind nicht nur abhängig beim Öl, beim Gas, sondern demnächst auch noch beim Strom, und das hätte eigentlich Kanzlerin Merkel sagen müssen.

Spengler: Atomkraftgegner widersprechen Ihnen da, wenn Sie sagen, die preiswerteste Energie, sie sagen, ja in Atomkraft werden ja sozusagen die Risiken, die man versichern müsste, eigentlich nicht einberechnet, was ist, wenn so ein Atomkraftwerk mal hochgeht, was ist mit dem Atommüll?

Vahrenholt: Erstens ist die Endlagerung in den Kosten einbezogen. Die Rückstellungen sind riesig, das ist ja auch ein Vorwurf, den man sonst immer hört, die Rückstellungen sind ja dafür da, nicht nur für den Abbau, sondern auch für die Endlagerung, und was die Risiken betrifft, ich frage mich, wer versichert denn eigentlich das CO2, was aus Kohlekraftwerken und Gaskraftwerken und aus Automobilen herauskommt, das tragen wir als Gesellschaft. Also ich finde, Einäugigkeit in der Energiedebatte ist das Schlimmste, was wir uns leisten können.

Spengler: Also Sie finden, dass die Debatte, die wir führen, einäugig ist?

Vahrenholt: Ja, sie ist einäugig und oberflächlich. Ich finde, wir müssen einfach mal zur Kenntnis nehmen, dass wir eine veränderte Landschaft haben gegenüber 2001, als der Ausstiegsbeschluss gefasst worden ist. Damals war Energie im Überfluss da, damals gab es noch kein China auf dem Weltmarkt, das sämtliche Quellen abschöpft, die frei werden, die im Sudan, im Iran, in Südamerika, selbst in Kanada mittlerweile die Ölvorräte abschlürfen, und wir stehen vor einer dramatischen Veränderung. Wir dürfen nicht verkennen, dass in etwa zehn Jahren die maximale Ölförderung überschritten ist, das heißt, dieses bedeutet, dass wir in einer solchen Zeit doch nicht leichtfertig das, was wir haben, aufs Spiel setzen müssen, denn andere Länder sind ja da etwas klüger. Schauen Sie, Schweden hat gerade ihre Laufzeit auf 60 Jahre verlängert, Holland, unser Nachbarland, hat es auf 50 Jahre verlängert, die ganze Welt mokiert sich über unsere Leichtfertigkeit, denn worum geht es im Endeffekt? Es geht darum, dass wir Kernkraftwerke für 40 Jahre genehmigt haben und sie ausgerichtet dafür. Sie sind die sichersten der Welt, und wir sagen, wir machen sie acht Jahre vorher zu aus ideologischen Gründen. Wir könnten natürlich und wir müssen auch jedes einzelne Kernkraftwerk uns anschauen, ob es den Sicherheitsanforderungen entspricht, aber es nur wegen einer Anforderung auf dem Papier abzustellen, das halte ich für fahrlässig.

Spengler: Aber wir haben uns Tschernobyl doch nicht eingebildet.

Vahrenholt: Ja, wir sind ja nicht diejenigen, die Tschernobyl produziert haben. Ich sage ganz deutlich, das, was im Augenblick passiert, ist, dass der größte Exportweltmeister von Kernkraftwerken die russische Republik ist, die liefern nach Indien und sonst wo Kernkraftwerke, wo uns allen schaudert davor, aber man darf doch nicht, nur weil jemand anders eine leichtfertige Technik gemacht hat, die eigene Technik in Frage stellen, die bislang in Deutschland zu keinem Problem geführt hat. Wir haben keine Kernkraftwerkprobleme in den letzten 30 Jahren gehabt.

Spengler: Das heißt, Sie sagen, die Atomkraftwerke, zumindest die deutschen, sind sicher, Sie haben keine Angst vor Atomkraft?

Vahrenholt: Ich habe keine Angst. Ich habe für vier Kernkraftwerke die Verantwortung getragen, und es geht auch in dieser Debatte nicht darum, dass irgendjemand in Deutschland ein neues Kernkraftwerk bauen will. Ich plädiere doch nur dafür, dass die Kernkraftwerke, die nach einer Sicherheitsanalyse als sicher eingestuft werden, und das ist offenbar heute bei allen der Fall, sonst müsste doch Minister Gabriel morgen Brunsbüttel stilllegen. Also es ist doch sicher, sonst wäre es nicht zu verantworten. Also sage ich, in einer solchen Situation muss es doch möglich sein, uns Zeit zu geben, die erneuerbaren Energien, die CO2-freie Kohle, die entwickelt werden muss und bei der wir dabei sind, das wächst doch nicht über Nacht auf den Bäumen, das müssen unsere Ingenieure entwickeln, das muss in die Tat umgesetzt werden. Dafür brauchen wir zehn Jahre, und diese Luft brauchen wir, im Übrigen auch die Finanzen dazu, denn natürlich verlange ich auch, dass durch die Verlängerung der Laufzeiten entstandene Profite bei den Energiekonzerne bei den Kunden ankommen und den erneuerbaren Energien und den CO2-freien Energieträgern weitergereicht werden. Das ist der gesellschaftliche Kompromiss, den wir anstreben müssen. Alles andere führt zu italienischen Verhältnissen, nämlich zu riesigen Stromimporten und einen letztendlich Exodus der deutschen Grundstoffindustrie, nämlich Aluminium, das ist schon angefangen, das nächste wird dann Silizium, Kupfer, Chlor, und am Ende geht uns auch noch der Stahl flöten. Das kann doch niemand wollen.

Spengler: Sie wollen also Luft haben auch als Windkraftunternehmen durch Atomkraft. Sie haben gesagt, zehn Jahre brauchen wir, reichen denn zehn Jahre, also eine Verlängerung der Laufzeiten um zehn Jahre?

Vahrenholt: Also ich denke schon, dass wir 2020 in der Lage sind, ab 2050 bauen wir CO2-freie Kohlekraftwerke, ab 2020 sind wir in der Lage, 20 bis 25 Prozent Windenergie, Biomasse bereitzustellen, und wenn wir dann die ursprünglichen Laufzeiten garantieren, haben wir diesen Auslaufprozess bis 2030. Ich glaube, das schaffen wir, und das ist verantwortbar, und das muss jetzt auf die Tagesordnung, und wir müssen endlich diese ideologische Debatte beenden, weil ich selbst als Hersteller von großen Maschinen habe ein Interesse, dass das Kupfer aus Deutschland kommt, dass das Aluminium, was wir brauchen, aus Deutschland kommt, dass der Stahl nicht aus der Ukraine importiert wird, aus Kernkraftwerken, die wir nicht verantworten dürften.

Spengler: Dankeschön. Das war Professor Fritz Vahrenholt, Vorstandsvorsitzender des Windkraftunternehmens Repower Systems. Vielen Dank für das Gespräch.

Author: 
Jochen Spengler

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