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Vor uns liegt nur Dunkelheit

Tausende Evakuierte harren in Notlagern aus, andere blieben in Geisterdörfern zurück. Nach Natur- und Atomkatastrophe kämpft Japan jetzt mit den seelischen Leiden, die Suizidraten steigen.

Die Tanakas haben in der Lotterie verloren. Deshalb werden sie weiterhin in Raum 103 im dritten Stock der Mittelschule Halamachi Daini in der Stadt Minamisoma hausen müssen. Sie teilen ihn mit drei weiteren Familien.

Die Behörden verlosen die wenigen freien Wohnungen unter den Vertriebenen, aber Hironichi Tanaka und seine Frau sind wieder leer ausgegangen. Sie hocken auf den Tatami-Matten vor der grünen Schultafel, ihre Tochter sitzt am Lehrerpult und blickt aus blaugeschminkten Augen starr geradeaus.

Seit im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi die Kerne schmolzen und eine radioaktive Wolke über ihr Haus zog, sind die Tanakas schon fünfmal umgezogen. Zunächst retteten sie sich in die Mittelschule ihres Heimatorts Odaka, dann ins Rathaus der nächsten Stadt Minamisoma. Als sie dort zwei Tage später wieder weg mussten, dämmerte Hironichi Tanaka: "Es gibt keinen Platz, wo wir hinkönnen."

Es folgte ein Notlager in der Stadt Fukushima, mehr als einen Monat lang kamen sie bei ihrer zweiten Tochter in Tokio unter. Dann kehrten sie wieder zurück nach Minamisoma an den Rand der Sperrzone, in die schmutzigweiße Schule dort.

Vor der Atomkatastrophe hatte Hironichi Tanaka jeden Tag in seinem Fahrradladen Bremsen und Schaltungen repariert, er fühlte sich fit trotz seiner 78 Jahre. Nun hat er zehn Tage wegen Schwächeanfällen im Krankenhaus gelegen. Oft wolle er einfach aufgeben, sagt er, aber da ist ja noch seine Tochter: Die 50-Jährige ist kaum ansprechbar, sie verlässt das Zimmer nur selten. Manchmal gelingt ihr ein mechanisches Lächeln, aber nachts wacht sie schreiend aus Alpträumen auf.

Ein Arzt behandelt sie, sagt Bansho Miura, ein buddhistischer Mönch. Nach der Atomkatastrophe hat er die Hilfsorganisation "Herzensrettung" gegründet. Er spricht jeden Tag mit den Tanakas. Sein Büro liegt im Erdgeschoss der Schule, die seit fast fünf Monaten als Notlager für Atomflüchtlinge dient. Es geht darum, die dritte japanische Katastrophe zu bekämpfen.

Zuerst kamen Erdbeben und Tsunami, dann explodierten die Reaktoren im Atomkraftwerk. Und jetzt kämpft Japan mit den Schäden in den Seelen der Menschen. Angst und Unsicherheit können eine Gesellschaft zermürben. Die Zahl der Selbstmorde im ganzen Land lag im Mai dieses Jahres um 20 Prozent höher als ein Jahr zuvor; allein in der am schlimmsten betroffenen Präfektur Fukushima brachten sich 68 Menschen um, 19 mehr als im selben Monat des Vorjahrs. Vor einem Monat schlich sich eine ehemalige Bewohnerin des Orts Kawamata aus einem Evakuierungslager zu ihrem geräumten Haus zurück und verbrannte sich. Eine andere Frau, die ihre Wohnung verlassen sollte, erhängte sich und hinterließ einen Brief: "Ich flüchte ins Grab."

Yoshinori Cho von der psychiatrischen Abteilung des Universitätskrankenhauses Teikyo hat vor drei Wochen Atomflüchtlinge besucht. "Manche haben Familienmitglieder im Tsunami verloren, manche verloren ihre Häuser und ihre Jobs. Und zu all dem kommt noch die Strahlung. Die Menschen sehen keine Zukunft für sich. Sie leiden unter vielen Schichten von Trauer und Verbitterung. Und sie werden nicht gut genug betreut."

Der Mönch Miura ist monatelang mit seinem Nissan-Van durch die gesperrten Gebiete gefahren: auf der Suche nach Menschen, die allein zurückgeblieben sind, die ihr Leben riskierten, weil sie sich nicht stark genug fühlten, ihre Heimat zu verlassen.

Miura trägt einen Ziegenbart, die Haare bindet er am Hinterkopf zu einem Zöpfchen zusammen. Er hat mehr als 250 Menschen aus den Strahlenzonen einen psychologischen Fragebogen vorgelegt. Er wollte wissen, ob sie noch schlafen können, wie viel sie trinken, auch nach Selbstmordgedanken hat er gefragt. Manchmal rief er auch einfach nur noch den Krankenwagen, etwa als er einen Mann fand, der schon zwei Tage nichts mehr gegessen hatte.

Nach Tschernobyl hatte die Uno in einem Bericht geschrieben, dass die größte Gefahr für die Menschen aus dem Umfeld des Reaktors ihre psychischen Schäden seien. Die Menschen aus der Region begannen zu rauchen und zu saufen - sie glaubten, sie hätten sowieso nicht mehr lange zu leben. Medizinisch gesehen sei nichts nach Tschernobyl so schlimm gewesen wie die seelischen Traumata.

Katahira Toshiei, Leiter des Notlagers in der Schule, in der auch die Tanakas hausen, weiß genau, wie es seinen Bewohnern geht. "Die Menschen, die im Tsunami ihr Haus verloren haben, wollen die Trümmer nicht mal mehr sehen. Die Menschen hingegen, die vor der Strahlung geflüchtet sind, wollen zurück." Die Regierung in Tokio mache alles noch schlimmer. "Es wäre noch einfacher auszuhalten, wenn sie sagen würde: Für zehn Jahre kann niemand zurück. Aber so weiß niemand, was kommt", so Toshiei.

Nicht mal ihre wenigen Zusagen kann die Regierung halten. Premierminister Naoto Kan hatte den Atomflüchtlingen ursprünglich versprochen, bis Ende August würden alle in Wohnungen untergebracht. Aber daraus wird nichts, viele Menschen hätten inzwischen alles Vertrauen in die Regierung verloren, sagt Katsonubo Sakurai, der Bürgermeister von Minamisoma. "Die Leute fragen mich: Wo ist es sicher? Ich kann Zahlen vergleichen, aber wo es sicher ist, kann ich selbst nicht sagen." Der tatkräftige Sakurai ist durch die Katastrophe bekannt geworden. Selbst der Regierungschef lud ihn ein: "Nun kann ich mit Ministern und sogar dem Premierminister reden, aber ihren Sinn für Verantwortung habe ich nicht gespürt."

Tanaka, der alte Fahrradhändler, schlägt mit der Hand gegen einen Aufkleber, den jemand in seinem Klassenraum an die Tafel geklebt hat. "Halte durch, Fukushima!", steht dort. Was helfen ihm solche Durchhalteparolen, fragt Tanaka: "Wir sollen noch mehr ertragen? Dann sind wir bald tot."

Die 21-jährige Bankkauffrau Tomoko Tsurumaki, eine zarte Frau mit rotbraunem lockigem Haar, mag nicht mal mehr Ärzten glauben. Sie hatten im Notaufnahmelager geprüft, ob Tomoko kontaminiert ist. Weil die junge Frau den Ergebnissen nicht traute, suchte sie zusätzlich Rat bei einem Alternativmediziner im örtlichen Krankenhaus. Der diagnostizierte hohe Belastungen der Schilddrüse, warnte sie vor Krebs und dem Risiko, behinderte Kinder zur Welt zu bringen. Dann empfahl er obskure Kuren. Deshalb glaubt Tomoko auch ihm nicht so recht.

Trotzdem ist sie aufgeschreckt. Zuerst sei sie furchtbar deprimiert gewesen, "dann habe ich mir gedacht, dass ich dadurch noch kranker werde". Aber sie wolle doch heiraten: "Wird es dann zu riskant sein, ein Baby zu bekommen?"

Die 70-jährige Fukui Sato kommt vielleicht am häufigsten in die Sprechstunde des Mönchs Miura. Sie trägt die Haare kurzgeschnitten, an ihren Handgelenken sind Bänder aus Plastikperlen, ihr Nagellack glitzert bunt.

"Wenn mein Ehemann das im Himmel sieht, wird er eifersüchtig", scherzt sie: Als am 11. März der Tsunami kam, konnte sich Frau Sato aus ihrem Gemüsegarten gerade noch in einen höhergelegenen Tempel retten. Einen Monat später wurde der Leichnam ihres Mannes gefunden, dann der ihres Sohnes, beide hatten auf einer Baustelle gearbeitet. Fukui Sato musste sie identifizieren. Sie schaute nach der Kleidung, den Zähnen, dem Schmuck. Sie sagt: "Niemand kann etwas für eine Naturkatastrophe. Aber die Radioaktivität, die hasse ich wirklich. Wir sehen sie nicht und wissen nichts über sie."

Wegen der Strahlen habe sie außer Familie und Haus auch ihr Heimatdorf verloren, klagt sie, während sie sich Tränen aus den Augenwinkeln wischt. Nicht mal den Friedhof könne sie besuchen.

Als Helfer Teddys für Kinder verteilten, habe sie sich zwei genommen, sagt Fukui Sato: "Einen für meinen Sohn und einen für meinen Mann." Einen Teddy hält sie nun immer im Arm, wenn sie schläft.

Sato will in Minamisoma bleiben. Die Stadt liegt in der 30-Kilometer-Zone, die Bürger sollen sich hier immer noch zur Evakuierung bereithalten. Die Behörden haben Prüfer mit Geigerzählern von Haus zu Haus geschickt. Dabei haben sie 59 Häuser mit Werten über 3,2 Mikrosievert pro Stunde gefunden. Deren Bewohner sind jetzt aufgefordert zu fliehen.

Aber es gibt auch Menschen, die an ihrer Heimat festhalten, egal wie hoch die Strahlung ist. Nach ihnen sucht Bansho Miura mit einer Handvoll Unterstützer jede Woche. Dann packen sie ihren Van voll mit Nudeln, Reis und Vitaminpillen und gehen auf Patrouille. Alle tragen weiße Tyvek-Anzüge und Atemmasken, denn sie fahren in die am schlimmsten verstrahlten Gebiete. Miura mit dem Laptop auf dem Schoß gibt die Fahrtroute vor, immer bis an die Sperrzone, damit sie bloß kein Haus übersehen. Kriechpflanzen haben die Straßen am Rande des verbotenen Gebiets schon bis zur Hälfte überwuchert. Leitplanken verschwinden unter Gebüsch.

Miura hält sich mit den Händen am Vordersitz fest und fixiert jedes Haus. Hängt irgendwo Wäsche, steht eine Tür offen, bewegt sich etwas? Wenn er unsicher wird, springt er aus dem Wagen und klopft: "Hallo, jemand zu Hause? Hier ist Bansho!" Hier in der Gegend misst er heute mehr als 70 Mikrosievert pro Stunde, ein extrem hoher Wert.

Im verstrahlten Bergdorf Iitate ist kein Mensch auf der Straße zu sehen, aber die Tür eines Hauses steht offen. Ein zierlicher Mann in Unterhemd und Jeans kommt heraus. Er sei nur hier, weil sein Geflügel morgen von einer Tierschutzorganisation abgeholt werde, sagt er. Miura und seine Helfer bringen ihm trotzdem kartonweise Saft und Instantnudeln. Vielleicht will er ja insgeheim doch bleiben.

"Ich wollte nicht gehen, ich musste ja weg von hier", sagt der Mann. Das neue Haus, in dem er nun wohne, sei sehr klein, er könne dort nicht schlafen, und sein Zuhause verfalle derweil: "Es macht mich auch so traurig, die Felder zu sehen, alles überwuchert und voller Unkraut." Er setzt sich vor den Fernseher in seinem verstrahlten Haus, eine Gameshow läuft. "Ich weiß nicht, wie die Zukunft werden soll, vor uns liegt nur Dunkelheit."

Ein paar Häuser weiter findet einer von Miuras Männern dann die wohl letzten Privatleute, die in Iitate geblieben sind. Tsuyoshi Sato, 84, und seine Frau Hisano. Sie sitzt vor ihrem Haus auf einer Bank und stützt sich auf einen Bambusstock. Sie leidet an der Alzheimer-Krankheit.

In der Welt seiner Frau gebe es keinen Atomunfall, sagt der Alte. Und in seiner eigenen Welt könne er nicht mit einer kranken Frau, die ihre Blase schlecht kontrollieren kann, in ein Notlager.

Einsam sei es geworden, sagt Sato, jetzt, wo alle weg sind. "Ich weiß nicht, wie lange es so weitergehen soll, aber wahrscheinlich, bis es zu Ende ist."

Author: 
Cordula Meyer

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