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Tschernobyl Opfer – Das lange Strahlen der Katastrophe

Auch 20 Jahre nach dem Reaktor-Gau von Tschernobyl leidet die verstrahlte Bevölkerung in der Region. FOCUS Online sprach mit zwei Betroffenen.

Erinnern können sich Irina und Jelena – kurz Lena – Pastutschenko nicht an den 26. April 1986. Doch dieser Tag hat ihr Leben für immer verändert. Der Tag, an dem Block 4 des Kernreaktors im 60 Kilometer entfernten Tschernobyl explodierte. Lena war damals vier Jahre alt, Irina erst seit 13 Tagen auf der Welt. Selbst ihre Eltern wussten tagelang nicht, was passiert war. Und auch als die ersten Informationen durchsickerten, konnte kaum jemand begreifen, was das für eine unsichtbare Gefahr war, die plötzlich überall lauerte. Draußen spielen, im Sommer barfuß laufen, Pilze und Beeren im Wald sammeln – all das durften die Kinder nicht mehr. Lena weiß noch, dass sie in diesem Sommer zur Oma aufs Land fuhr – möglichst weit weg von der verseuchten Region, wo ihre Eltern wohnten. Im Sommer darauf reiste die gesamt weißrussische Verwandtschaft zur Familie nach Russland. „Unsere Eltern haben alles versucht, damit wir wenigstens im Sommer in eine ‚saubere’ Region kommen.“ Strahlenbiologen wissen heute: 70 Prozent der radioaktiven Ablagerungen gingen auf Weißrussland nieder. Manche Gebiete nahe dem Reaktor sind so stark verstrahlt, dass sie theoretisch noch Jahrhunderte lang Sperrgebiet sein müssten.

Erst nach und nach, im Chemie- und Physikunterricht, begriffen Lena und Irina, was passiert war. Woher die unsichtbaren Strahlen kamen, die sie umgaben. Wie sie ihren Körper attackieren und sie krank machen können. „Wir bekamen Angst, waren aber auch verwundert. Wir konnten uns nicht vorstellen, dass wir inmitten einer so unfassbaren Katastrophe lebten.“ Zurzeit sind die Geschwister zu Gast in Deutschland – auf Einladung von Greenpeace. Die Umweltschutzorganisation zeigt in München in der Ausstellung „Verstrahlt – verdrängt – vergessen“ Bilder von Strahlenopfern aus der ehemaligen Sowjetunion, darunter auch Lena und Irina. Der niederländische Fotograf Robert Knoth hat das Geschwisterpaar abgelichtet. Sie schauen ernst drein auf dem Schwarz-Weiß-Porträt, wie auf einem historischen Ölgemälde. Als sie vor dem Bild stehen, lachen sie und umarmen sich. Heute geht es ihnen gut. Aber glücklich sein, das mussten sie erst lernen.

Hirntumor zwölf Jahre nach der Katastrophe

Denn trotz aller Vorsichtsmaßnahmen ihrer Eltern wurden die Schwestern krank. Mit zwölf Jahren klagte Irina immer häufiger über Kopfschmerzen, musste sich übergeben. Nachts zitterte das Kind am ganzen Leib. Eines Tages war Irinas rechte Körperhälfte gelähmt. Ihre Mutter brachte sie ins Krankenhaus. Irina hatte einen Hirntumor. Sie wurde operiert, erhielt eine Chemotherapie. Auch ihre Schwester Jelena erkrankte: Sie bekam immer wieder Fieber und Kopfschmerzen, musste sich übergeben. In Minsk entfernten Ärzte der damals 17-Jährigen ebenfalls einen Hirntumor. Lenas Mutter übernachtete vier Wochen lang auf einer mitgebrachten Matratze im Krankenhaus neben Lena. Ärzte und Pflegepersonal jagten die Frau immer wieder weg, dennoch kehrte sie beständig zu ihrem Kind zurück. Jelena läuft eine Träne über die Wange, als sie sich an die Zeit erinnert. „Ohne meine Mutter hätte ich nicht überlebt.“

Dass die Hirntumore der Geschwister auf die Reaktorkatastrophe zurückgehen, hielten die Experten zunächst für unwahrscheinlich. Schließlich hätte es auch eine Veranlagung der Familie sein können. „Ein unmittelbarer Zusammenhang ist nicht ganz eindeutig“, sagt auch Christine Frenzel, Laborleiterin im Strahlenbiologischen Institut der Universität München. Dennoch belegen Zahlen eindeutig, dass die Zahl der Krebsfälle in der Region massiv gestiegen ist. So schnellte zum Beispiel die Verbreitung von Schildrüsenkrebs bei Kindern 1990 um mehr als das Dreißigfache hoch. Die Region Gomel war stark davon betroffen – und die Erkrankungen dort besonders aggressiv. „Radioaktives Jod nach einem solchen Fallout sammelt sich in der Schilddrüse und schädigt das Gewebe“, erläutert Christine Frenzel. „Dieser Zusammenhang ist nicht mehr zu leugnen.“ Mittlerweile sind auch Jelena und Irina als Opfer der Katastrophe anerkannt und erhalten staatliche Unterstützung.

Andere Betroffene, die Robert Knoth fotografiert hat, leiden schon als Kinder an Gebärmutterkrebs, Prostatakarzinomen oder Leukämie. Manche kamen behindert oder mit Wasserkopf zur Welt oder haben ein geschwächtes Immunsystem. Auf eine ganze Reihe von Krankheiten in der Nähe von verstrahlten Gebieten können sich Mediziner bis heute keinen Reim machen.

Lähmungen und Gedächtnisstörungen

Auch heute noch leiden Jelena und Irina an den Folgen ihrer Erkrankung. Zum einen ist es die Angst bei jedem jährlichen Check-up, ob der Krebs zurückgekehrt ist oder ein weiteres Organ befallen hat. Zum anderen blieben auch die lebensrettenden Operationen nicht ohne Folgen: Irinas rechter Arm ist teilweise gelähmt, Lenas ganze linke Seite blieb zunächst taub, sie musste neu laufen lernen, blieb aber erst einmal auf einen Stock angewiesen. Beide Mädchen haben Gedächtnisstörungen und motorische Schwierigkeiten. Jelena fehlte an der Schädelseite ein Stück Knochen, das deutsche Ärzte in einer plastischen Operation nachträglich ersetzen. Nun ist nur noch die Narbe an der rechten Schläfe zu sehen. Und beide Mädchen haben Probleme mit ihrer Schilddrüse – wie fast jeder in ihrer Region.

„Manchmal fragen wir uns, was wäre, wenn es Tschernobyl nicht gegeben hätte“, sagt Jelena Pastutschenko nachdenklich. „Wie wäre unser Leben verlaufen, wenn wir nicht krank geworden wären?“ Jelena wollte ursprünglich Wirtschaft studieren. Nach der Operation war an ein Studium erst einmal nicht zu denken. Doch Lena schloss die Schule ab und schrieb sich als Gasthörer ein. Als sie merkte, dass sie dem Stoff gut folgen konnte, schrieb sie sich ein. Heute hat sie ihr Jurastudium abgeschlossen und hat sich auf Wirtschaftsrecht spezialisiert. Auch Irina hat eine Ausbildung abgeschlossen, für Gestaltung und Design, und möchte bald in ihrem Beruf arbeiten. Gerade hat der Staat der 20-Jährigen eine Wohnung gestellt – gedanklich ist Irina schon dabei, ihr neues Zuhause einzurichten.

Eins können die Geschwister nicht verstehen: Dass es auch zwei Jahrzehnte nach der Katastrophe von Tschernobyl noch Atomkraftwerke gibt. „Der Preis für die Nutzung der Atomenergie ist zu hoch“, sagt Jelena ganz entschieden. „Das Leben ist das höchste Gut!“ Erst kürzlich hat sie gelesen, dass ihre Regierung in Solarenergie investieren will. „Das fand ich sehr interessant.“

In wenigen Tagen kehren Irina und Jelena zurück nach Weißrussland, heim nach Gomel, wo die Familie heute noch lebt. „Früher hatten wir gar nicht die Möglichkeit umzusiedeln. Heutzutage denken wir gar nicht mehr darüber nach, von dort wegzugehen“, sagt Lena. „Aber wenn ich mal eine Familie gründen will, stelle ich mir schon die Frage, wo – an diesem Ort?“

Ausstellung in München

Die Ausstellung „Verstrahlt – Verdrängt – Vergessen“ ist noch bis zum 5. November in München am Gasteig täglich von 8 bis 23 Uhr zu sehen. Der Eintritt ist frei. München ist die letzte Station der Wanderausstellung. Greenpeace überlegt zurzeit, die Bilder in kleineren Städten zu zeigen.
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Author: 
www.focus.de

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