Tschernobyl - 20 Jahre spaeter
Medizinische Betrachtungen aus menschlicher Sicht
von Theodor Abelin, emeritierter Professor für Sozial- und Präventivmedizin, Universität Bern
Die Nachricht Ende April 1986 war erschreckend: In einem Atomkraftwerk in der Ukraine hatte sich eine Explosion ereignet, doch die Meldung kam aus Skandinavien, wo in der Luft eine erhöhte Radioaktivität gemessen worden war. Auch bei uns in der Schweiz war die Radioaktivität erhöht. In unseren Seen durfte nicht mehr gefischt werden. Schwangere fürchteten um das Wohl ihrer Kinder und vermieden die Milch unserer Kühe. Pulvermilch wurde knapp, aber niemand wusste, wie gross die Gefahr wirklich war. Strahlenexperten versuchten, die Bevölkerung zu beruhigen, während Umweltexperten von einem GAU - einem «grössten anzunehmenden Unfall» - sprachen. Kaum jemand konnte die in den Medien berichteten Messwerte interpretieren. Es herrschte Angst.
Chaos in den betroffenen Gebieten
Später vernahmen wir von den Strahlenärzten in der staatlichen Krebsklinik von Weissruss-land bei Minsk, etwa 380 Kilometer nördlich von Tschernobyl, dass am Morgen des 26. April 1986 ihre Messgeräte weit über die Maximalwerte ausschlugen und unbrauchbar waren. Auf ihre Nachfrage bei den Behörden erhielten sie keine Erklärung. Die Einwohner in der Umgebung von Tschernobyl wussten von nichts. Hier ernährten sich die Schwangeren wie immer von der Milch ihrer Kühe. Aus einem Umkreis von etwa 30 Kilometern um Tschernobyl wurde die Bevölkerung in weiter entfernt gelegene Unterkünfte evakuiert. Die Stadt Pripjat, rund 100 Kilometer nördlich der ukrainischen Hauptstadt Kiew und in nächster Nähe der Atomreaktoren von Tschernobyl, hatte damals rund 50000 Einwohner, ist aber heute nur noch eine Geisterstadt, in der am 26. April hängengebliebene Plakate noch immer zur grossen Erste-Mai-Feier von 1986 einladen.
Im Vergleich zur unmittelbar betroffenen Bevölkerung konnten wir in der Schweiz und ganz allgemein in Westeuropa nach einigen Wochen weitgehend zur Tagesordnung übergehen. Doch in der Ukraine, in Weissrussland und in den benachbarten Gegenden von Russ-land ist die Tagesordnung auch heute, 20 Jahre später, noch immer nicht eingekehrt.
Gesundheitliche Schäden: Zählen nur die Todesfälle?
Vier Jahre nach der Tschernobylkatastrophe berichteten Ärzte in den am stärksten betroffenen Regionen, dass sie bei Kindern Schilddrüsenkrebs entdeckt hatten - in einem Alter, in dem diese Krankheit sonst ausserordentlich selten ist. Diese Nachricht wurde vorerst von zahlreichen Wissenschaftern als unwahrscheinlich abgetan. Uns ist ein Fall bekannt, wo eine sorgfältig durchgeführte statistische Übersicht über die ersten 160 in Weissruss-land diagnostizierten Fälle von einer international führenden medizinischen Fachzeitschrift ohne nähere Überprüfung von der Veröffentlichung ausgeschlossen wurde, weil - wie der Redaktor den Autoren schrieb - eine Krebsentstehung so wenige Jahre nach einer Bestrahlungseinwirkung nicht möglich sei. Dass eine noch nie dagewesene Katastrophe auch noch nie dagewesene Auswirkungen haben könnte, wurde nicht in Betracht gezogen. Ähnlich tönte es von der Internationalen Atomenergieagentur (IAEA) in Wien, deren Auftrag es ist, die friedliche Nutzung der Atomenergie zu fördern. Vor zehn Jahren ging diese Agentur, die vor kurzem den Friedensnobelpreis erhalten hat, sogar so weit, die Publikation wissenschaftlicher Berichte über gesundheitliche Tschernobylfolgen zu verhindern, die bei der Weltgesundheitsorganisation bereits zum Druck bereitlagen.
Nun stehen wir vor dem 20. Jahrestag der Tschernobylkatastrophe, und nach wie vor hören wir sich widersprechende Einschätzungen der gesundheitlichen Schäden. Wer diese herunterspielen will, weist darauf hin, dass der Schilddrüsenkrebs nur selten zum Tode führt und dass in der Folge von Tschernobyl weniger als 1 Prozent der Fälle zum Tode geführt haben. Wer aber - wie heute in der Einschätzung von gesundheitlichen Schäden üblich - die verlorenen Jahre in guter Lebensqualität betrachtet, wird sehen, dass die meisten der nach Tschernobyl aufgetretenen 4000 Schilddrüsenpatientinnen und -patienten nun lebenslänglich krank sind und sozial ausgeschlossen werden. Bereits Anfang der 90er Jahre wurde festgestellt, dass bei über 60 Prozent aller Kinder mit Schilddrüsenkrebs Ableger (Metastasen) in den Lymphdrüsen vorhanden waren. Wurde ein Fall entdeckt, musste das betroffene Kind in einer meist weit entfernten Klinik genau untersucht werden und sich je nach Befund einer chirurgischen oder einer Strahlenbehandlung unterziehen. Jährliche Kontrolluntersuchungen mit umständlichen Reisen ins medizinische Zentrum wurden nötig, und wenn die Schilddrüse entfernt werden musste, entstand eine lebenslängliche Abhängigkeit von der regelmässigen Einnahme von Schilddrüsenhormonen.
Kommt dazu, dass junge Leute, bei denen Schilddrüsenkrebs festgestellt worden ist, als verseucht gelten und - teils auch bei der Partnerwahl - gemieden werden. Ob die Annahme einer andauernden radioaktiven Verseuchung dieser Menschen wissenschaftlich korrekt ist, spielt keine Rolle - ihr Leben bleibt durch Tschernobyl gezeichnet.
Vor einigen Jahren wollten wir diese sozialmedizinische Seite der Tschernobylfolgen zusammen mit einer weissrussischen Ärztin näher untersuchen, und sie war bereit, in ihren jährlichen Nachuntersuchungen entsprechende Fragen zu stellen. Doch die Behörden verweigerten im Rahmen ihres engen Gesundheitsverständnisses die Erlaubnis.
Ähnlich unterschiedlich wird über die gesundheitlichen Folgen bei den Liquidatoren berichtet, das heisst den Hunderttausenden von Arbeitern und Soldaten, die zum Löschen des Feuers im Reaktor und zum Aufräumen der Explosionsschäden in und um Tschernobyl eingesetzt worden waren. Tausende von ihnen sind seither gestorben, viele davon an Krebs. Während die einen die Todesfälle der Bestrahlung anlasten, glauben die anderen, dass hier die Armut in der Folge der Auflösung der Sowjetunion massgeblich beteiligt war. Es ist mir nicht bekannt, inwieweit zurzeit noch Studien im Gange sind, in denen mit bestmöglicher Methodik versucht wird, diese Faktoren einzeln gegeneinander abzuwägen, doch darf gehofft werden, dass in den zum 20. Jahrestag von Tschernobyl organisierten wissenschaftlichen Tagungen darüber berichtet werden wird.
Doch auch wenn weiterhin widersprüchliche Ergebnisse zur Tschernobyl-bezogenen Sterblichkeit von Liquidatoren veröffentlicht werden sollten, steht doch fest, dass sich diese Hunderttausende von Männern ebenso wie die jungen Leute mit Schilddrüsenkrebs ein Leben lang Kontrolluntersuchungen unterziehen müssen, von Angst vor einem negativen Befund geplagt.
Lehren für die Schweiz
Was können wir bei uns von Tschernobyl lernen? Was tun wir damit, dass statistisch gesicherte Häufungen von Schilddrüsenkrebs bei Kindern beobachtet wurden, die nach Westen wie auch nach Osten bis zu 300 Kilometer entfernt von Tschernobyl lebten? Welche Gegenden in der Schweiz sind da noch sicher? Was tun wir damit, dass bei der Verursachung der Katastrophe von Tschernobyl menschliches Versagen und Alkohol eine entscheidende Rolle spielten? Wird der Faktor Mensch genügend berücksichtigt, wenn es um die Beurteilung der Sicherheit technischer Anlagen geht? Wie sollen wir überhaupt mit technischen Grossanlagen umgehen, bei denen Unfälle katastrophale Ausmasse annehmen können?
Während diese Zeilen geschrieben werden, wütet nördlich von London ein immenser Brand in riesigen Treibstoffanlagen mit unvorstellbaren Folgen auf Klima und Umgebung. In unseren Bergen sollen zur Erhöhung der Stromproduktion Stauseen vergrössert werden mit dem Risiko der Bedrohung unserer Städte durch zerstörerische Flutwellen, sollte einmal - durch Naturkräfte, menschliches Versagen oder menschliche Bösartigkeit - eine Staumauer brechen.
20 Jahre Tschernobyl gibt uns Gelegenheit, über diese Fragen nachzudenken und die auf Grossanlagen gestützte Energieversorgung durch neue Modelle einer dezentralen Energieproduktion und Lagerung zu ersetzen.
Wir müssen uns aber auch bewusst werden, wie leicht wir - geleitet von unserem Mitgefühl und im Zugzwang durch für uns unannehmbare Aussagen Andersdenkender - in Versuchung geraten könnten, das Leiden der von Tschernobyl am meisten betroffenen Bevölkerungen zu instrumentalisieren. So sehr wir auf ihr Leiden hinweisen müssen, müssen wir uns doch auch bemühen, es nachhaltig zu reduzieren und eine dauernde Opfermentalität zu vermeiden - sei es mit Hilfe der heute verfügbaren Möglichkeiten der psychologischen Traumaverarbeitung oder durch die Stärkung der Motivation und des inneren Antriebs im Sinne des «Empowerment».
Ich würde mir wünschen, an den bevorstehenden Anlässen zu «20 Jahre Tschernobyl» auch in diesem Zusammenhang von erfolgreichen Programmen zu hören.
«Die Katastrophe dauert an - und sie ist noch lange nicht zu Ende. Sowohl die direkten Schäden durch die Verstrahlung als auch die ebenso bedeutenden indirekten, wirtschaftlichen, sozialen, gesundheitlichen und ökologischen Folgen betreffen weiterhin Millionen von Menschen.»
Walter Fust, Direktor der Direktion
für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA), Schweiz
Quelle: www.chernobyl.info
«Die Halbwertszeit unserer Erinnerung an Katastrophen wie ÐTschernobylð beträgt ein Bruchteil der Halbwertszeit jener radioaktiven Isotope, welche bei der Reaktor-explosion am 26. April 1986 in der Ukraine freigesetzt wurden. In diesem Sinn verstehen wir die Internet-Plattform www.chernobyl.info als ein Manifest gegen das Vergessen.»
Walter Fust, Direktor der Direktion
für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA), Schweiz
Quelle: www.chernobyl.info