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Chronik einer technischen und menschlichen Katastrophe. 2. Kurzer Abriss ueber die Geschichte der sowjetischen Atomenergie
17.11 2006

Chronik einer technischen und menschlichen Katastrophe.

2. Kurzer Abriss ueber die Geschichte der sowjetischen Atomenergie

"Stellen Sie die Bombe her!"
Josef Stalin

In den Vereinigten Staaten wird der Beginn des Atomprogrammes gewöhnlich auf den 2. August 1939 datiert, als Albert Einstein - knapp einen Monat vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges – einen Brief an Präsident Roosevelt schrieb, in dem er ihn warnend auf die Gefahr hinwies, dass Deutschland vielleicht in der Lage sei, eine Atombombe zu bauen. Daraufhin wurde im Juni 1941 das Office of Scientific Research and Development geschaffen. Ein Jahr später wurde dieses zum sogenannten Manhattan-Projekt erweitert. Die erste Kettenreaktion von Uran-235 wurde am 2. Dezember 1942 in einem Chicagoer Labor in einem kleinen Reaktor erreicht.5 Im November 1941 formulierte der damals 28-jährige Physiker Gerogij Fljorow, tätig an einer Militärfliegerschule: Man muß immer daran erinnern, daß der Staat, der als erster die Atombombe verwirklicht, der ganzen Welt seine Bedingungen diktieren kann.6 Doch erst nach der Mitteilung Präsident Trumans an Stalin anläßlich der Potsdamer Konferenz von 1945 erkannte dieser die Wichtigkeit des Besitzes von Atombomben für die Sowjetunion zur Wiederherstellung des strategischen Gleichgewichtes. Er befahl Fljorow: Das Gleichgewicht ist gestört. Stellen Sie die Bombe her!.7 An diesem unter äußerster Geheimhaltung geplanten Projekt, an dem auch deutsche Spezialisten teilnahmen, darunter Manfred von Ardenne, Alfred Recknagel, Max Steenbeck, Fritz Bernhard und Gustav Hertz8 wurde bis zum 23. September 1949 gearbeitet. An diesem Datum wurde die erste sowjetische Atombombe fertiggestellt und getestet. Geheimdienstchef Berija persönlich soll über einem Dutzend hochqualifizierten Wissenschaftlern mit Erschießung gedroht haben, falls das Projekt nicht bis zu Stalins 70. Geburtstag am 20. Dezember 1949 abgeschlossen sei.9 Obwohl die Sowjetunion das dritte Land war, das eine Atombombe baute (nach den USA und Großbritannien), war sie das erste Land, das Atomreaktoren für die Stromerzeugung einsetzte.10 Das erste sowjetische Atomkraftwerk wurde am 27. Juni 1954 in Obninsk eingeweiht und begann mit der Erzeugung von Strom. Obninsk blieb fast zehn Jahre lang der einzige sowjetische Kernreaktor. Im März 1956 setzte sich einer der führenden russischen Kernphysiker, Igor Kurtschatow (gest. 1960) für den schnellen Ausbau von Kernkraftwerken ein. Kurtschatow, der sich hohen Ansehens bei dem sowjetischen Parteichef Chruschtschow erfreute,11 überzeugte diesen davon, weitere Kernkraftwerke zu bauen. Ein entsprechendes Atomenergieprogramm wurde schließlich 1956 oder 195712 gebilligt.
Atomstädte entstanden13 und zwar vor allem im weniger dicht bevölkerten Sibirien, wo Schlüsselbetriebe des militärischen Atomkomplexes konzentriert sind.14 Bevorzugter Reaktortyp wurde der sogenannte RBMK-Reaktor, dessen Wirkungsweise im nächsten Kapitel eingehend beschrieben wird. Laut Zhores Medwedjew15 standen zwar alle Reaktortypen (graphit-moderierte Reaktoren, Druckwasser-Reaktoren, schnelle Brüter zu dieser Zeit zur Verfügung. Die Bevorzugung des Types RBMK sei jedoch daher zu erklären, dass hier das am technisch am wenigsten komplizierte Modell aus der Sicht des Jahres 1960 favorisiert worden sei. Entscheidend dürfte aber gewesen sein, dass graphitmoderierte Reaktoren dieses Typs, wie sie in Tschernobyl stehen, ursprünglich für militärische Zwecke verwendet wurden – sie erzeugen Plutonium in großen Mengen.16 Aus diesem Grunde wurden die Argumente der Gegner dieses Reaktortyps – die den sogenannten Druckwasser-Reaktor WWER (Wasser-Wasser-Energiereaktor) – auch für den Bau eines KKWs in Tschernobyl17 – bevorzugten, ignoriert: 1986 waren wesentlich weniger WWER-1000-Reaktoren in Betrieb als Reaktoren vom Typ RBMK-1000.18 14 Anlagen des Typs RBMK-1000, auf die über die Hälfte der Atomenergiekapazität des Landes entfiel, standen zum Zeitpunkt des Unfalls in Tschernobyl sechs oder sieben Reaktoren des Typs WWER-1000 gegenüber.19 Der RBMK-1000 wurde in der sowjetischen Atomenergieindustrie zum wichtigsten Reaktortyp.20 Erst zwei Jahre nach dem Unfall in Tschernobyl, 1988, wurde entschieden, auf den Bau weiterer RBMK-Reaktoren zu verzichten. Das RBMK-Programm hatte ein unrühmliches Ende gefunden.21

Bevor auf diesen Reaktortyp eingegangen wird, sollen hier zum Abschluß dieses Kapitels stichwortartig22 die wichtigsten Atomunfälle in Rußland vor Tschernobyl erwähnt werden.
29. September 1957 Kyschtym: Ein 180-Kubikmeter-Container aus Beton mit hoch radioaktivem Inhalt – flüssige Rückstände der Plutoniumbombemproduktion – war wegen überhitzung geborsten. Was bei dieser Katastrophe auf einer Fläche von 23 000 Quadratkilometern auf 272 000 Menschen niederging, vorwiegend Strontium 90, hatte die Ausmaße des Super-Gau in Tschernobyl . Die Menschen der verseuchten Region werden umgesiedelt, der Boden umgepflügt, das Vieh getötet und in Massengräbern verscharrt.23 Der Unfall konnte von den sowjetischen Behörden vertuscht werden, da die radioaktive Strahlung innerhalb der Sowjetunion verblieb.
7. Mai 1966: Prompte Kritikalität (Medwedew umschreibt mit diesem Begriff schwere Störfälle, B. N.) des Siedewasserreaktors in der Stadt Melekess. Ein Dosimetrist und der Schichtleiter werden bestrahlt. Der Reaktor wird abgeschaltet, indem man zwei Säcke Borsäure dosiert.24
1964-1979: Mehrfache Zerstörungen (Durchbrennung) von Brennelementen am ersten Block des Kernkraftwerks Belojarsk. Die Reparaturen der aktiven Zone erfolgen unter unzulässig hoher Strahlenbelastung für das Personal.
1974-75: Zahlreiche Zwischenfälle in den RBMK-1000-Reaktoren des KKWs Leningrad, wobei es im Oktober 1975 dort zu einer teilweisen Zerstörung der aktiven Zone kommt, ebenfalls zu Brüchen an Rohren von grossen Durchmessern, was einen schweren Reaktorunfall darstellt.25
1977 und 1978: Schwere Störfälle im KKW Belojarsk.26
September 1982: Zerstörung des zentralen Brennelementes am ersten Block des Kernkraftwerks Tschernobyl durch fehlerhafte Bedienung des Personals. Auswürfe von Radioaktivität auf das Industriegebiet und die Stadt Pripjat. Unzulässig hohe Strahlenbelastungen des Personals während der Beseitigung des Schadens.
Oktober 1982: Explosion eines Generators am ersten Block des armenischen Kernkraftwerkes. Das Maschinenhaus brennt ab. Das Schichtpersonal organisiert die Zuführung von Kühlwasser in den Reaktor. Eine Einsatzgruppe, die vom KKW Kola eingeflogen wird, hilft den Operatoren, die aktive Zone zu retten.
27. Juni 1985. Havarie am ersten Block des Kernkraftwerks Balakowo. Während der Erprobungs- und Inbetriebnahmearbeiten reisst ein Sicherheitsventil ab. Dampf mit einer Temperatur von 300 Grad Celsius gelangt in einen Raum, in dem gearbeitet wird. 14 Tote. Der Störfall wird auf fehlerhafte Bedienung des unerfahrenen Personals zurückgeführt, das mit unüblicher Hast und Nervosität gearbeitet habe.27

Abgesehen von den Unfällen im September und Oktober 1982, die unmittelbar vor der Wahl Andropows zum Generalsekretär am 11.11.1982 erfolgten (Andropow war seit Mai 1982 ZK-Sekretär für Ideologie und damit nach Breschnew zweiter Mann in der Kremlführung und hatte in dieser Funktion die Oberaufsicht über die Presse), wurden alle anderen Störfälle vor der breiten öffentlichkeit geheimgehalten.28 Einige dieser Störfälle kamen erst kürzlich ans Licht.29 Der Kremlführung waren sie jedoch bekannt. Sie gründete laut Frankfurter Rundschau vom 20. Juli 1983 ein Staatskomitee für nukleare Sicherheit. Karl-Heinz Karisch zitiert diesen Artikel: Mit der Gründung eines Staatskomitees für nukleare Sicherheit griff die Kremlführung jetzt ein Thema auf, das bisher tabu war: Unfälle in Atomkraftwerken. Beobachter schließen daraus, daß hier inzwischen erhebliche Gefahren für die Sicherheit und Produktionsschwächen vorliegen, die unkalkulierbare Risiken für Teile der Bevölkerung haben könnten.30 Zhores Medwedjew vermutet, dass die nukleare Sicherheit unter Andropow 1983 im Politbüro diskutiert wurde und ein von diesem unterzeichnetes vertrauliches Sonderschreiben an Parteiorganisationen und viele Industriezentren geschickt worden ist, wo es in geschlossenen Parteiversammlungen verlesen wurde. Dieser Brief habe einige schwere Unfälle in der Atomindustrie aufgelistet.31

Als Fazit ist festzuhalten, dass die Kremlführung gewarnt war. Von mangelnder Information der Führung kann nach den vorliegenden Dokumenten also nicht die Rede sein. Mir kommt es vor wie ein Zug, der unaufhaltsam in sein Verderben raste. Doch vor der Schilderung des Unfalls in Tschernobyl wird im nächsten Kapitel auf den Reaktortyp RBMK eingegangen werden.

Full publication text: http://www.benoroe.de/tschernobyl/tsch_02.htm
Author Valentina

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