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Chronik einer technischen und menschlichen Katastrophe. 4. Die Katastrophe von Tschernobyl: Unfall und Unfallhergang
17.11 2006

Chronik einer technischen und menschlichen Katastrophe.

4. Die Katastrophe von Tschernobyl: Unfall und Unfallhergang

 

"Oh traurig, traurig ist mir! Schweres Dunkel legt sich auf den fernen Westen, das Land heiliger Wunder: Die frueheren Leuchten brennen nieder und verblassen!"
Alexej Chomjakov (1804-60)

"Tschernobyl verschlang alles !"
Juri Stscherbak

Kurze Geschichte des Kernkraftwerks Tschernobyl

Die Stadt Tschernobyl

Bereits im 12. Jahrhundert wurde der Ort Tschernobyl in einer Chronik erwaehnt. Es liegt am Rande einer riesigen Wald- und Sumpflandschaft, die sich ueber Teile Weissrusslands und der Ukraine erstreckt, am wasserreichen Fluss Pripjat. Im Laufe der Jahrhunderte wuchs der Ort in dem duennbesiedelten Gebiet nur langsam, in unserem Jahrhundert hoerte das Wachstum auf. Die Stadt hatte 1986 etwa 12500 Einwohner, etwa genausoviel wie zur Jahrhundertwende. Schon daraus laesst sich schliessen, dass hier seit 100 Jahren keine grossen strukturellen Veraenderungen erfolgt sind. Eine starke Industrialisierung hat nicht stattgefunden. Die Bewohner lebten 1986 ueberwiegend von Landwirtschaft, Gartenbau, Fischfang und von den Produkten des Waldes und deren Verarbeitung. Seit dem Bau des Kiewer Staudammes am Dnepr, durch den der Kiewer Stausee entstand, muendet der Pripjat in diesen See. Tschernobyl liegt nahe der Muendung am nordwestlichen Zipfel dieses Stausees. Der Ort, jahrhundertelang ein laendliches Verwaltungszentrum, musste diese Rolle voruebergehend an Pripjat, die schnell wachsende Stadt der Kernkraftwerkserbauer und –betreiber abgeben. Das gewaltige Kernkraftwerk, dessen Bau 1971 begann, wurde jedoch nicht nach Pripjat, sondern nach dem alten Tschernobyl benannt. Durch die Katastrophe wurde das gut 10 km vom Kraftwerk entfernt liegende Tschernobyl aber weniger betroffen als das nur 3 km entfernte Pripjat. Aus beiden Orten musste die Bevoelkerung evakuiert werden. Heute belebt sich Tschernobyl wieder und es hat mehr und mehr die Rolle eines Organisations- und Verwaltungszentrums fuer die 30-km-Zone uebernommen.

Die Stadt Pripjat

Die ersten Seiten der Chronik von Pripjat wurden am 04. Februar 1970 geschrieben, als die Bauarbeiter den ersten Pflock zur Errichtung des neuen Kernkraftwerkes einschlugen. Der Fluss Pripjat, dessen Wasser aus einem Gebiet, welches so gross ist wie der vierte Teil Deutschlands, zusammenfliessen und der das weissrussische mit dem ukrainischen Polessjegebiet verbindet, gab der an einem vorher unbesiedelten und damit namenlosen Ort errichteten Stadt seinen Namen. Pripjat war eine junge Stadt. Das Durchschnittsalter der Einwohner betrug 1986 26 Jahre ! In 15 Jahren entstanden hier Wohnungen fuer fast 50 000 Menschen. Die Stadt sollte auf 80 000 Einwohner wachsen. In dieser wasser- und waldreichen Stadt gab es viele Moeglichkeiten zur Erholung. Bis zur Ungluecksnacht im Jahre 1986. Fuer alle Bewohner in dieser Region begann mit dem 26. April jenes Jahres eine neue, bittere Zeitrechnung.
Aufbau und Lage des Kernkraftwerkes Tschernobyl

Die relativ duenne Besiedlung und die Naehe zur ukrainischen Hauptstadt Kiew duerften die wichtigsten Gruende dafuer gewesen sein, Anfang der siebziger Jahre den Bau eines grossen Kernkraftwerkes nordwestlich von Tschernobyl zu planen. Hinzu kamen die riesigen Wassermengen des Pripjat und des Kiewer Stausees, die gleichzeitig zur Kuehlung und zur starken Verduennung anfallender Abwaesser dienen konnten. Die Ukrainische Akademie der Wissenschaften hat sich in Gutachten jedoch mehrfach gegen den Bau eines KKW an dieser Stelle ausgesprochen. Als Grund hierfuer wurden starke geologische Verwerfungen angegeben. Tektonische Bewegungen und das unkontrolierte Eindringen radioaktiven Materials in den Untergrund wurden fuer moeglich gehalten. Ausserdem war offensichtlich, dass nach einer Kontamination der Umgebung des Kernkraftwerksgelaendes der naechste Regen einen Grossteil der Radioaktivitaet in den Pripjat spuelen wuerde, da das Gelaende zum Fluss hin abfaellt.

Die Reaktorbloecke Tschernobyl 1 und 2 entstanden in den siebziger Jahren etwa gleichzeitig mit den Reaktorbloecken Leningrad 1 bis 3 und Kursk 1 und 2. Diese sieben Reaktoren (alle vom Reaktortyp RBMK) waren in der UdSSR die ersten grossen Leistungsreaktoren mit jeweils 1000 MW elektrischer Leistung. Das Kernkraftwerk von Tschernobyl galt als ein Paradestueck sowjetischer Technologie. Noch innerhalb des neuen Fuenfjahresplans sollte die Anlage 6000 MW erzeugen und damit weitgehend die Stromversorgung der Industriezentren im Herzen der Ukraine uebernehmen. Die beiden ersten Tschernobylbloecke 1 und 2 wurden im September 1977 bzw. im Dezember 1978 in Betrieb genommen. Sie bilden zusammen den Teil 1 des KKW. Zwischen ihnen liegt ein Hilfsanlagengebaeude, in dem das Wasserreinigungssystem und andere Anlagen, die fuer beide Bloecke arbeiten, untergebracht sind. Die Hauptumwaelzpumpen und die Dampferzeuger liegen in den jeweiligen Reaktorgebaeuden. Seitlich (suedlich) dieses dreiteiligen Gebaeudekomplexes steht das etwa 400 m lange Maschinenhaus, in dem sich fuer jeden Reaktor zwei grosse Turbogeneratoren (je 500 MW) befinden. Am oestlichen Ende die Turbinen 1 und 2, die zum Reaktor 1 gehoeren, daneben die Turbinen 3 und 4 des zweiten Reaktorblocks. Spaeter wurden die Turbinenhalle und der gesamte Gebaeudekomplex in Richtung Westen verlagert. Dort stellte man die Turbinen 5 bis 8 fuer die Reaktorbloecke 3 und 4 auf. Dieser westliche Teil bildet die Ausbaustufe 2 des KKKW Tschernobyl. Der Reaktor 3 nahm zum Jahresende 1981 den Leistungsbetrieb auf, der Reaktor 4 Ende 1983. Zur Zeit des Unfalls verfuegte der Reaktor noch ueber rund 75% seines urspruenglich 1983 geladenen Brennstoffs. Dies bedeutet, dass defekte oder undicht gewordene Druckroehren wahrscheinlich zwischen 1984 und 1986 ersetzt worden waren. Moeglicherweise sollten sie entfernt werden, um aus ihnen in Wiederaufbereitungsanlagen Plutonium zu gewinnen. Da eine der Eigenschaften des RBMK, wie bereits oben erwaehnt, seine Nuetzlichkeit fuer militaerische Zwecke ist (weshalb die Kernkraftwerke dieses Typs auch nicht ins Ausland und in die kommunistischen "Bruderlaender" exportiert worden waren), sind Brennelemente dann leichter zu entnehmen, wenn sie klein, trennbar und leicht zu transportieren sind.

Soweit also zur Geschichte von Tschernobyl, Pripjat und dem Kernkraftwerk. Kommen wir nun zum Unfall.

Der Unfall
Quellen

Der Unfall ist in der deutschsprachigen Fachliteratur haeufig beschrieben worden. Am ausfuehrlichsten stellt Grigori Medwedew in "Verbrannte Seelen" den Ablauf der Katastrophe dar. Medwedew war als Kernkraftingenieur im April 1986 stellvertretender Chef in der Abteilung Kernkraftwerksbau im sowjetischen Energieministerium und Mitglied der Regierungskommission, die die Katastrophe untersuchte. Dieser sowjetische Bericht wurde Grundlage fuer das Treffen der IAEO vom 25.-29. August 1986 in Wien. Er weist die Unfallschuld ueberwiegend – aber nicht ausschliesslich - den Operatoren zu. Die westliche Fachliteratur von Karl-Heinz Karisch bis Franz-Josef Brueggemeier akzeptiert diesen Bericht als fachlich serioese Grundlage, der sie folgen, wenn sie auch die Einwaende von Tschernousenko teilweise beruecksichtigen. Tschernousenko war nach dem Unfall einer der drei Chefliquidatoren als Leiter der mehr als 600 000 eingesetzten Liquidatoren, die offiziell damit beauftragt wurden, die Folgen des Reaktorbrandes soweit wie moeglich zu beseitigen. Er haelt die Verstoesse des Bedienungspersonals fuer Mythen, um die Maengel im Sicherheitssystem des RBMK zu verschleiern und fuehrt die Schlussfolgerungen der Regierungskommission darauf zurueck, dass keine Operateure in der Kommission waren, um – ich zitierte es oben bereits – die gravierenden Konstruktionsfehler der RBMK-Reaktoren zu verschleiern. Bei der Beschreibung des Unfalls stuetze ich mich auf diese Quellen, wobei eine Bewertung durch Fachleute vorzunehmen ist. Gestuetzt habe ich mich auch auf ein hervorragendes Manuskript meines Freundes Michael Hedtstueck aus dem Jahre 2000, welches den Unfallhergang – gestuetzt auf die gleichen obigen Quellen – rekonstruiert.

Der Weg zur Katastrophe

Wie oben bereits erwaehnt, wurde der Reaktor 4 des KKWs im Dezember 1983 uebergeben. Zhores Medwedjew vermutet, dass der Reaktorblock 4 fuer betriebsbereit erklaert wurde, obwohl entsprechende Sicherheitsexperimente am Turbogenerator fehlgeschlagen waren. Haette Kernkraftwerksdirektor Brjuchanow das Genehmigungspapier nicht bis 31. Dezember 1983 (die Fertigstellung erfolgte am 20. Dezember 1983) unterschrieben, waeren die beteiligten Mitarbeiter und Vorgesetzten ohne Praemien und anderweitige Auszeichnungen geblieben, die angesichts der geringen Gehaelter in der frueheren Sowjetunion einen zunehmend bedeutsamen Teil des durchschnittlichen Industrieeinkommens darstellten. Anfang Maerz 1984 wurde berichtet, dass der Block 4 des KKW Tschernobyl mit 1000 MW elektrischer Leistung zwei Monate frueher als geplant seinen kommerziellen Betrieb aufgenommen habe – vollkommen im Gegensatz zu den meisten anderen Kernkraftwerksbloecken der UdSSR, bei denen es zu Verzoegerungen in der Betriebsaufnahme gekommen war. Die Vollendung eines Projekts vor der geplanten Zeit ist in der sowjetischen Industrie ein solch seltenes Ereignis gewesen, dass es dafuer ebenfalls betraechtliche Auszeichnungen und Praemien gegeben hat. Medwedjew vermutet, dass der Wunsch, "uebererfuellung" zu melden, zu Beschneidungen in dem festgelegten Testprogramm gefuehrt haben. Ganz offensichtlich sollten fehlgeschlagene Tests an den Turbogeneratoren, die zwischen der Fertigstellung des Reaktorblocks im Dezember 1983 und der kommerziellen Betriebsaufnahme im Maerz 1984 erfolgt waren, Ende April 1986 wiederholt werden. Auch diesmal galten die obigen ueberlegungen. Es sollte geprueft werden, ob sich die Notstromversorgung des Reaktors nach einer Schnellabschlatung noch fuer kurze Zeit ueber den Hauptstromgenerator aufrechterhalten liess. Wenn also der bislang fehlgeschlagene Versuch vor dem 01. Mai, dem Tag der Arbeit – einem hohen Feiertag in der frueheren UdSSR – erfolgreich durchgefuehrt werden koennte, winkten erneut Erfolgsmeldungen in den Nachrichtensendungen und Aufbesserungen der Lohntueten.

Am 25. April 1986 bereitete man sich im Kernkraftwerk Tschernobyl auf das Abschalten des vierten Blocks zur Durchfuehrung des oben erwaehnten Experimentes vor. Dieses Experiment wurde im Auftrag eines Fremdbetriebes, einer Turbogeneratorenfabrik, durchgefuehrt. Wozu wird ein solches Experiment – Grigori Medwedew weist ausdruecklich darauf hin, dass die Durchfuehrung dieser Versuche aufgrund des hohen Risikos von anderen Kernkraftwerksleitungen abgelehnt wurde und nur die Leitung des Tschernobyler KKWs zustimmte - benoetigt ? Bei vollstaendigem Ausfall der Energieversorgung der Kernkraftwerksanlagen – so Medwedew - bleiben alle Elektromotoren stehen und damit auch die Pumpen, die das Kuehlmittel durch die aktive Zone des Kernreaktors pumpen. Dadurch kommt es zur Kernschmelze, was einer extremen nuklearen Havarie entspraeche. Der fuer solche Faelle vorgesehenen Nutzung jeder moeglichen Energiequelle sollte auch der Versuch mit dem Turbinenauslauf dienen. Schliesslich wird so lange Elektroenergie erzeugt, wie sich der Rotor des Generators dreht. Deshalb soll und muss man den Auslauf der Turbine in kritischen Faellen nutzen. Voraussetzung eines solchen Versuches ist aber, dass der Reaktor sich vorher in einem stabilen, gesteuerten Betriebszustand befindet und ueber die vorgeschriebene Reaktivitaetsreserve verfuegt. Daher muessen – so Medwedew – Notkuehlsystem und Havarieschutzsystem des Reaktors in Betrieb bleiben. Die fuer den 25. April 1986 geplanten Versuche wurden in diesem Kernkraftwerk nicht zum ersten Mal durchgefuehrt. Die vorherigen Versuche aber fanden in einem stabilen, gesteuerten Betriebszustand statt ! Der gesamte Reaktorschutzkomplex war in Betrieb gewesen !

Der Versuch sollte eigentlich bereits am Freitag Mittag durchgefuehrt werden. Die Stromlastverteiler-Zentrale in der ukrainischen Hauptstadt ordnete jedoch an, den Reaktor zunaechst mit halber Kraft weiterlaufen zu lassen. In den folgenden neun Stunden baute sich im Reaktor eine sogenannte Xenon-Vergiftung auf. Xenon-135 ist ein normales Beiprodukt des Spaltprozesses, geformt aus Jod-135 und Tellur-135, den wichtigsten Isotopen, die bei der Spaltung von Uran-235 erzeugt werden. Xenon-135 absorbiert Neutronen und verwandelt sich in Xenon-136. Dieser Prozess hemmt die Kettenreaktion, da dieses Spaltprodukt, ein Edelgas, die zur atomaren Kettenreaktion notwendigen Neutronen einfach verschluckt. Um weiterhin Energie zu produzieren, musste die Bedienungsmannschaft fast alle Brennstaebe herausziehen. Dabei wurde die zulaessige Minimalgrenze von 28 bewusst unterschritten. Die Reduzierung der Reaktorleistung sei – so Zhores Medwedjew - ein Routinevorgang, der mehr als eine Stunde in Anspruch nehme. Dem sowjetischen Bericht zufolge korrigierte der zustaendige Operateur die Parameter des automatischen Kontrollsystems nicht korrekt. So wurden die Regelstaebe weiter eingefahren als erwartet und die Reaktorleistung fiel unter 30 MW. Grigori Medwedew fuehrt diese Fehlentscheidung auf Inkompetenz des leitenden Personals – hier insbesondere des stellvertretenden Chefingenieurs Djatlow und auf Konformismus und Denkfaulheit des Personals zurueck. Er, Stscherbak und Zhores Medwedjew betonen in ihren Arbeiten immer wieder die Tatsache, dass die Nachtschicht auf die Durchfuehrung des Experimentes nicht vorbereitet waren und weisen auf die mangelnde Erfahrung und Ausbildung des Personals hin. Im Gegensatz zu den Anschuldigungen von Tschernousenko , der diese Vorwuerfe zurueckweist, gibt jedoch auch Medwedew den Konstruktionsfehlern des RBMK-Reaktors – und nicht nur dem Personal des KKWs – eine erhebliche Mitschuld an dem Unglueck: Der Gerechtigkeit halber muss jedoch gesagt werden, dass dieses Todesurteil in gewissem Grade durch die Konstruktion des Reaktors RBMK vorbestimmt war. Man brauchte nur eine solche Konstellation herbeizufuehren, bei der die Explosion moeglich wurde. Und das geschah.

Die Leistungsabsenkung des Reaktors war am 25. April um 1 Uhr morgens begonnen worden. Mittags gegen 13 Uhr betrug die Reaktorleistung nur noch 50%, die Turbine 7 wurde abgeschaltet. Danach hielt man die Leistung bis zum spaeten Abend auf Forderung der Energiezentrale in Kiew konstant. Ab 23 Uhr begann die weitere Reduzierung. Um 23.10 begann das Bedienungspersonal, die Leistung des Reaktors auf ein Viertel seiner Kapazitaet zu reduzieren. Dabei sackte die Leistung ploetzlich auf weniger als 1% ab. Entgegen den Warnungen der Operatoren Toptunow und Akimow, die sich darauf beriefen, dass das technische Regelwerk bei einem Leistungsabfall von ueber 50% (es handelte sich hier um einen Einbruch der Leistung von 80%) ein Wiederanfahren des Reaktors verbot, da sich in diesem Falle die Vergiftung des Reaktors intensiver entwickele, gab der stellvertretende Chefingenieur Djatlow Anweisung, den Rektor 4 auf ein Niveau von 200 Megawatt hochzubringen. Dieser produzierte nun fortwaehrend Spaltprodukte, die ihn vergifteten. Um diese Anweisung von Djatlow zu erfuellen, muss Operator Toptunow muehsam per Handschaltung fast alle restlichen Brennstaebe aus dem Reaktorkern ausfahren – nur noch 18 der insgesamt 211 Brennstaebe bleiben eingefahren. Michael Hedtstueck hat treffend kommentiert: Halten wir fest: Djatlow unterschaetzte die Vergiftung des Reaktors, und sowohl Akimow als auch Toptunow, die beide das Experiment abbrechen wollten, wagten keinen Widerspruch und fuegten sich den Anweisungen Djatlows. Doch Djatlow handelte noch schlimmer: Der verringerte Dampfdruck und der niedrigere Wasserstand haetten normalerweise die Notabschaltung des Reaktors zur Folge gehabt. Schichtleiter A. Akimow ordnete jedoch – mit Zustimmung seines Vorgesetzten A. Djatlow – die Blockierung des Sicherheitssystems fuer diese Parameter an, d.h. man klemmte zuvor noch alle Notabschaltknoepfe ab, um den Test ungestoert durchfuehren zu koennen, obwohl sich der Reaktor zu diesem Zeitpunkt in einem nicht steuerbaren, explosionsgefaehrdenden Zustand befand ! Zu diesem Zeitpunkt haette eine Explosion durch sofortiges Abbrechen des Experimentes und durch Einschalten des Notkuehlsystems sowie des Dieselstromgenerators noch verhindert werden koennen.99

Um 1.22 Uhr verringerte der Kontrollingenieur B. Stoljartschuk den Speisewasserzufluss zu den Separatoren – es flossen nur noch 50 statt 220 Liter pro Sekunde,100 was im weiteren zu einer Erhoehung der Wassertemperatur fuehrte, das von unten in den Reaktor gepumpt wurde.101 Dies musste geschehen, da der Dampfgehalt im Reaktorkern fast auf Null sank.102 Es kam zu Druckeinbruechen von 5-6 Atmosphaeren.103 30 Sekunden spaeter sah der Reaktoroperateur Toptunow auf dem Ausdruck des Analyse-Computers, dass nur 18 anstelle der minimal erforderlichen 28 Bremsstaebe104 eingefahren waren. Der Ausdruck laesst nur einen Schluss zu: Der Reaktor muss sofort abgeschaltet werden.105 Oder sollte der Rechner falsche Werte liefern ? Toptunow teilt die Beobachtung seinen Vorgesetzten Akimow und Djatlow mit, unterlaesst es aber, die erforderlichen 10-12106 Absorberstaebe einzufahren ! Halten wir fest: Sowohl Medwedew als auch Koepp107 sind der Auffassung, dass zu diesem Zeitpunkt die Katastrophe noch zu verhindern gewesen sei: das Experiment haette abgebrochen und die Reaktorleistung langsam heruntergefahren sowie der Reaktorkern gekuehlt werden muessen. Aber das Havariekuehlsystem fuer den Reaktorkern war blockert und nun begann auch noch der Test ! Djatlows historische Worte zu diesem Zeitpunkt lediglich: Etwas beweglicher, meine Herren! Noch ein, zwei Minuten und alles ist vorbei!108 Diese Worte verraten entweder eiserne Nerven oder totale Unfaehigkeit, den Ernst der Situation zu erkennen.109 So musste es zur Katastrophe kommen.
Zusammenfassung: Welche Fehler machte die Bedienungsmannschaft ?

Grigori Medwedew110 fasst die Bedienungsfehler der Mannschaft, die von Tschernousenko als Mythen bezeichnet wurden,111 abschliessend zusammen, und ich will diese Aufzaehlung, der uebersichtlichkeit halber, in diesen Aufsatz einschliessen:
um ueber den Xenon-Berg zu kommen, verringerten die Operatoren die Reaktivitaetsreserve unter den minimal zulaessigen Wert und machten damit das Havarieschutzsystem des Reaktors unwirksam. Dieser Vorwurf wird von Tschernousenko zurueckgewiesen.112
das automatische lokale Regelsystem sei fehlerhaft abgeschaltet worden, was zu einem Leistungseinbruch unter die im Programm vorgesehene Grenze fuehrte. Der Reaktor sei damit in einen schwer steuerbaren, unkontrollierbaren Zustand gefahren worden. Tschernousenko weist diesen Vorwurf ebenfalls an gleicher Stelle zurueck.113
alle acht Hauptumwaelzpumpen wurden, bei unzulaessig hohen Durchsaetzen durch einzelne Pumpen, in Betrieb genommen, wodurch das Kuehlmittel bis dicht an die Siedetemperatur herangefuehrt worden seien. Dies sei eines der Forderungen des Tests gewesen. Auch diesen Vorwurf weist Tschernousenko zurueck.114
Um das Experiment mit dem Spannungsaufall bei Bedarf wiederholen zu koennen, wurde das Signal fuer den Reaktorschutz Abschalten bei Ausfall beider Turbinen abgeklemmt. Zusaetzlich sei das Signal fuer den Reaktorschutz: Abschalten bei Unterschreiten des zulaessigen Hoehenstandes im Seperator blockiert worden, um den Versuch unabhaengig von der instabilen Arbeitsweise des Reaktors durchfuehren zu koennen. Tschernousenko dagegen meint, die Handlungen des Bedienungspersonals seien vorschriftsgemaess abgelaufen und haetten keinen Einfluss auf den Ablauf des Unfalles gehabt.115
Abschaltung des Notkuehlsystems, das beim GAU die Auswirkungen begrenzt, um ein irrtuemliches Zuschalten dieses Systems zu verhindern. Tschernousenko erklaert hier ganz explizit, hier habe die Gefahr einer Waermeexplosion bestanden. Diese Gefahr haette das Bedienungspersonal gefuerchtet.116
Die Blockierung der Notstromgeneratoren und der Arbeits- und Anfahrtransformatoren, um ein sauberes Experiment durchfuehren zu koennen.

Tschernousenko117 haelt dagegen: Keiner dieser Verstoesse, auch nicht das Zusammenwirken aller, hat den Unfall verursacht, seinen Verlauf beienflusst oder Auswirkungen auf das Ausmass seiner Folgen gehabt. Die Ursache des Unfalls lag seiner Auffassung nach in schwerwiegenden Konstruktionsmaengeln des Reaktors, vor allem:
In den gefaehrlichen physikalischen Eigenschaften des Kerns
Im Verhalten des Notsicherheitssystems des Reaktors
In der langsamen Arbeitsweise des Notsicherheitssystems
In mangelhaften Konstruktonsbeschreibungen und unzulaenglichen Bedienungsanleitungen.

Aus den in Kapitel 3 und 4 dargelegten Informationen ist die Unfallursache erklaerbar durch technische Maengel am Reaktortyp (hier ist Tschernousenko eindeutig recht zu geben) und auch aufgrund der Inkompetenz, Unfaehigkeit, Borniertheit und mangelhaften Ausbildung des Personals, insbesondere des stellvertretenden Chefingenieurs Djatlow und auch des Leiters des KKW, Brjuchanow, der das Experiment zuliess. Ich hoffe, im begrenzten Rahmen dieses Aufsatzes fuer beide Thesen Belege geliefert zu haben.

Brueggemeier, dessen Publikation ueber Tschernobyl 1998 erschienen ist und die neuesten, mir vorliegenden Erkenntnisse enthaelt, urteilt abschliessend: Mittlerweile herrscht Konsens, dass das Bedienungspersonal zwar Fehler gemacht hat, diese aber weniger gravierend sind, als lange behauptet wurde. Und vielfach waren diese Fehler gar nicht zu verhindern, da das Personal ueber moegliche Gefahren und Konstruktionsmaengel nicht informiert worden war, obwohl diese andernorts bereits zu kritischen Situationen gefuehrt hatten. Das galt insbesondere fuer den beschriebenen positiven "Scram-Effekt", demzufolge sich beim Einfahren der Bremsstaebe die Aktivitaet des Reaktors so dramatisch erhoehen konnte, dass der Prozess der Kernspaltung ausser Kontrolle geriet. Hinzu kamen unzureichende Betriebsvorschriften, eine mangelhafte Ausbildung des Personals, zu geringe Sicherheitsmargen oder das Fehlen einer wirksamen Huelle um den Reaktor, die die bei einem Unfall auftretenden radioaktiven Stoffe zurueckhalten konnte. Eine derartige Haeufung von Fehlern ist auffaellig, auf andere Kernkraftwerke nur bedingt zu uebertragen und in erster Linie durch Maengel des sowjetischen Regierungs- und Gesellschaftssystems zu erklaeren, das keine oeffentliche und nicht einmal eine nennenswerte interne Diskussion ueber Probleme der Kernenergie zuliess. Zudem wurde in Tschernobyl versucht, nicht nur Strom, sondern gleichzeitig auch waffenfaehiges Plutonium zu erzeugen, und deshalb die riskante Konstruktion des Graphitreaktors gewaehlt. Die Konsequenzen waren verheerend, haetten aber vermutlich vermieden werden koennen, wenn die Kenntnisse ueber die Maengel des Reaktors weitergeleitet und die geplanten Massnahmen zu deren Beseitigung durchgefuehrt worden waeren.118

Ich selber halte die Fehler der Bedienungsmannschaft durchaus fuer sehr gravierend und folge hier der Darstellung Medwedews. Im grossen und ganzen jedoch halte ich aufgrund der obigen Informationen die Beurteilung Brueggemeiers fuer korrekt. Nuetzlich ist bei Brueggemeier auch der Hinweis auf das autoritaere sowjetische System, welches Erscheinungen wie Folgebereitschaft und schon den bei Medwedew beklagten Konformismus119 deutlich anspricht. Insbesondere Alexander Sinowjew hat mit seinem Begriff des "Homo Sovieticus" auf diese eigenartige Mischung von kritikloser Folgebereitschaft gegenueber der Obrigkeit, Passivitaet und Flexibilitaet hingewiesen.120 Dieses war bei dem Personal von Tschernobyl ebenfalls ausgepraegt.121 Bei dieser tragisch zu nennenden Haeufung von Fehlern musste es zur Katastrophe kommen, die nachfolgend geschildert wird.
Die Reaktorkatastrophe

Leitstandsmaschinist Igor Kerschenbaum schaltet um 1.23 Uhr das Drosselventil fuer die Dampfzufuhr zur Turbine 8, die daraufhin ihren Lauf verlangsamt. Die Generatoren laufen langsam weiter und haetten den gewuenschten Strom erzeugen koennen, doch dann ueberschlagen sich die Ereignisse.122 Im Reaktorkern beginnt das Wasser zu sieden. Dampf entsteht, der die Waerme schlechter ableitet, so dass sich die Uranstaebe weiter erhitzen. Dadurch werden wiederum die Geschwindigkeit der Neutronen erhoeht, was seinerseits die Kettenreaktion beschleunigt. Da die Turbine 7 abgeschaltet ist, haette in diesem Moment das Notabschaltsystem fuer den Reaktor wirksam werden muessen, welches – wie eben oben erwaehnt – jedoch ebenfalls blockiert worden ist. Dies ist nach der Betriebsanleitung natuerlich verboten und auch im Plan fuer das Experiment nicht vorgesehen. Aber zu diesem Zeitpunkt war eine paradoxe Situation entstanden: Das Ausloesen der Notabschaltung zu diesem Zeitpunkt haette die Katastrophe nicht nur nicht verhindert, sondern sogar zu einer frueheren Ausloesung der Explosionen gefuehrt.123 Diese Tatsache stellt – wie oben erwaehnt – den gravierendsten Konstruktionsfehler des RBMK-Reaktortyps dar.

Nachdem die Turbine 8 keinen Dampf mehr erhaelt, erhoehen sich der Druck in den Dampfabscheidern und im Reaktorkern und damit der hydraulische Widerstand des Reaktors. Infolgedessen nimmt der Durchfluss des Wassers erheblich ab und dieses wird aufgeheizt. Es siedet in zunehmendem Masse. Bedingt durch die oben erwaehnte Konstruktion des Reaktors erhoeht sich mit steigender Temperatur die Reaktivitaet, d.h. die Energieproduktion. Dies geschieht einmal durch einen positiven Temperaturkoeffizienten des Graphits und ausserdem durch einen positiven Dampfblasenkoeffizienten (d.h. je groesser der Dampfanteil im Wasser wird, desto mehr Waerme erzeugt der Reaktor pro Sekunde). Der Reaktorkern wird nicht nur immer heisser, er beginnt auch, seine Leistung kontinuierlich zu erhoehen. Toptunow bemerkt diesen Leistungsanstieg als erster und schlaegt Alarm: Wir muessen den Reaktor sofort mit dem Havarieschutz abschalten..., die Leistung steigt.124 Schichtleiter Akimow zoegert. Kann er sich ueber den zustaendigen Ingenieur Djatlow hinwegsetzen ? Die Situation spitzt sich zu, die Kettenreaktion wird immer heftiger, und nach kurzem Bedenken loest der Schichtleiter den Havarieschutz aus, um den Reaktor abzustellen – nur 36 Sekunden nach Beginn des Versuches. Toptunow drueckte den Knopf zur Leistungsreduzierung bei Gefahr (Notabschaltung des Reaktors). Nun werden die Bremsstaebe in den Reaktor eingefahren, was jedoch nur sehr langsam (mit einer Geschwindigkeit von 0,4 m/s) erfolgt. Jetzt kommt ein entscheidender Konstruktionsfehler des Reaktortyps zum Tragen: Die Spitzen der Steuerstaebe bestehen aus Graphitstangen – diese sollen normalerweise die Neutronenbilanz verbessern, solange der Reaktor unter Vollast laeuft - , und loesen eine kurzfristige Anheizung der Kettenreaktion aus. Die Notbremse wird so zum Gaspedal.125 Zuallererst erreichen die entscheidenden Spitzen der Steuerstaebe, die einen Reaktivitaetszuwachs von einem halben Beta bringen, die aktive Zone, und zwar genau in dem Moment, in dem dort das Kuehlwasser aufkocht und es damit zu einem kraeftigen Reaktivitaetsschub kommt. Diese verfluchten 0,5 Beta waren der letzte Tropfen, der die Geduld des Reaktors zum ueberlaufen brachte.126

Das, was Schichtleiter Akimow innerhalb von wenigen Sekunden entscheiden muss, erweist sich als Verhaengnis. Hier, an dieser Stelle, haetten sich Toptunow und Akumow etwas mehr Zeit nehmen und nicht den HS-Knopf (Havarieschutzknopf; B. N.) druecken sollen. Das Notkuehlsystem haette geholfen, das abgesperrt, zugekettet und plombiert worden war – meint Medwedew.127 In diesem Augenblick waere es notwendig gewesen, sich um die Hauptumwaelzpumpe zu kuemmern, kaltes Wasser an der Saugseite einzuspeisen, um die Kavitation (Bildung von Hohlraeumen in schnell stroemendem Wasser, die beim Zusammenfallen geschossartig Loecher aus Metalloberflaechen herausschlagen koennen) zu stoppen. Damit waere das Sieden des Kuehlmittels in den Pumpen abgestellt worden, die Kuehlung der aktiven Zone haette sich verbessert, die Dampfbildung verringert und so waere die Leistungssteigerung beendet worden.128 Es sei allerdings an den – von Karisch auch vorgetragenen – Einwand von Tschernousenko erinnert, der erklaerte, das kalte Wasser haette lediglich eine Waermeexplosion aufgrund des Temperaturschocks bewirkt.129 Tschernousenkos Sicht der Dinge sieht so aus: Die Explosion fand statt, nachdem der Alarmknopf gedrueckt worden war, was an sich recht paradox erscheint, stellen die Wissenschaftler des Instituts fuer Atomenergie laut Tschernousenko in ihrem Dossier lakonisch fest – allerdings nur in dem internen Bericht, der zum eigenen Gebrauch bestimmt war, W. I. Smutnjew, von Tschernousenko zitiert, aeussert, solch ein Verhalten sei ein Alptraum fuer jeden Kernkraftwerksoperateur. Festzustellen sei also ein gravierender Konstruktionsfehler des RBMK-Reaktors.130 Soweit die Auffassung Tschernousenkos.

Akimow hat das, was sich die Untersuchungskommission spaeter in Ruhe ueberlegt hat, jedenfalls nicht getan. Er hat den Havarieschutzknopf gedrueckt. Quaelend langsam fahren die Steuerstaebe mit einer Geschwindigkeit von 40 Zentimetern pro Sekunde ein. 15 Sekunden dauert es, bis ein Stab vollstaendig eingefahren ist.131 Die Lageanzeigen der Absorberstaebe flackern rot auf. Entsetzt blicken die Operatoren auf die Anzeigen. Sie ahnen, wovon sie verkuenden. Die Staebe sind auf halber Strecke steckengeblieben. Als Akimow bemerkt, dass die Staebe statt der erforderlichen 7 nur 2 bis 2,5 Meter in die aktive Zone eingefahren sind, rennt er zum Operatorenpult und schaltet die Stromversorgung der Magnetaufhaengungen der Steuerstaebe ab, um sie unter Nutzung des Eigengewichtes in die aktive Zone fallen zu lassen. Aber dies hilft nicht mehr. Offensichtlich sind die Kanaele zu jenem Zeitpunkt schon so deformiert, dass sich die Staebe verklemmt haben.132 Akimow bewegt entsetzt den Schalter fuer die Staebe, doch nichts tut sich. Operator Toptunow drueckt die Knoepfe zur Anzeige des Kuehlmitteldurchsatzes. Auf den Anzeigen zeigt das Schaltbild, dass der Reaktor ohne Wasser ist. Aus der Richtung des Zentralsaals, wo der Reaktor steht, kommen dumpfe Schlaege. Die ersten Druckkanaele platzen. Ich verstehe ueberhaupt nichts mehr, bruellt Akimow verzweifelt. Was ist das fuer eine Teufelei ? Wir haben doch alles richtig gemacht.133 An der linken Seite des Steuerpultes steht Chefingenieur Djatlow und streicht sich ratlos ueber den Bart. Das kann nicht sein, steht in seinem Gesicht geschrieben. Alle Hauptumwaelzpumpen sind in Betrieb, aber die Zeiger der Lastanzeige liegen auf Null. Er faengt sich und befiehlt: Der Reaktor muss gekuehlt werden!.134 Innerhalb weniger Sekunden ist die Waermeleistung des Reaktors von 200 auf 530 Megawatt gestiegen. Die aktive Zone des Reaktors beginnt zu gluehen. Die Huellrohre der Brennstaebe bestehen aus Zirkon. Dieses Material bewirkt, dass dem herausstroemenden Wasser-Dampf-Gemisch Sauerstoff entzogen wird. Der entstehende Wasserstoff bildet mit Sauerstoff hochexplosives Knallgas. Es kommt zu einer fuerchterlichen Explosion. Medwedew: In der Folge wird der Reaktor zerstoert. Ein grosser Teil des Brennstoffes, Reaktorgraphit und Teile der Reaktorkonstruktion werden durch die Explosion in die Umgebung geworfen. Aber auf der Hoehenstandsanzeige der Steuerstaebe auf der Blockwarte des vierten Blockes sind die Zeiger, genauso wie auf der beruehmten Uhr in Hiroshima, fuer immer stehengeblieben. Sie zeigen den Stand 2-2,5 Meter auch noch an, als der Reaktor schon von einem Betonsarkophag umschlossen ist.135 Zwei Beobachtungen kurz vor der Explosion seien erwaehnt:
Der Vorarbeiter in Akimows Schicht, Perewotschenko, der sich waehrend der letzten Sekunden vor der Explosion in der zentralen Halle ueber dem Reaktor befindet, sieht, wie die sieben Zentner schweren Abdecksteine ueber den Druckroehren des Reaktordeckels ploetzlich anfangen, sich zu bewegen. Sie fliegen in die Hoehe und fallen wieder hinab.
Der Pumpenmechaniker Chodemtschuk, der die Arbeit der Hauptumwaelzpumpen waehrend des Auslaufens der Turbine 8 beobachtet, sieht zur gleichen Zeit, dass alle 8 Pumpen fuerchterlich erschuettert werden, als ob an ihnen Riesenkraefte ruettelten. Beide Aussagen lassen erkennen, dass in den Druckroehren, in denen sich die Brennstoffbuendel befinden und durch die das Kuehlwasser fliesst, ein gewaltiger ueberdruck entsteht, der die Druckroehren zerstoert und die Hauptumwaelzpumpen unwirksam macht. Die Explosionen, die den Reaktordeckel anheben und dann das Dach der Zentralhalle zerstoeren, erfolgen erst deutlich danach. Beide Arbeiter koennen noch eine erhebliche Strecke zuruecklegen, um Akimow Meldung zu erstatten. Doch bevor ihnen das moeglich wird, erfolgen mit gewaltigem Donner die beiden Explosionen.136 In der Schaltzentrale herrscht Chaos. Das Personal steht unter Schock, niemand weiss genau, was passiert ist. Schichtleiter Akimow beauftragt zwei seiner Mitarbeiter, Proskurjakow und Kudrjawzew, in den Reaktorraum zu gehen. Sie sollen dort die Bremsstaebe von Hand einfahren, um endlich die Temperatur im Reaktor zu senken. Die beiden machen sich auf den Weg, ohne zu wissen, dass sie in den Tod gehen werden. Ihnen bietet sich ein Bild der Zerstoerung. Die Hallen sind verwuestet, um sie herum prasseln Flammen und erleuchten den Nachthimmel roetlich. Die Luft ist voller Qualm, es war unertraeglich heiss, und beim Atmen brannten ihre Lungen. Schliesslich gelangen sie – ohne Gasmasken oder irgendwelche Schutzkleidung – in den Reaktorraum. Den Zentralsaal gibt es nicht mehr, erklaeren sie. Die Explosion hat alles zerstoert. ueber uns war nur noch der Himmel.137

Die Stunden nach der Katastrophe

Die Loescharbeiten durch die Feuerwehr sind hervorragend dokumentiert und gut beschrieben worden.138 Waehrend der ersten sechs bis sieben Stunden nach dem schlimmsten Atomunfall in der Geschichte liegt die Verantwortung fuer die Notmassnahmen bei den Maennern der oertlichen Feuerwehr. Der Leiter dieses 17 Maenner139 umfassenden Trupps, Leutnant W. Prawik,
erkundet die Lage und beschliesst angesichts der zahlreichen Brandherde, seine Kraefte auf die Begrenzung des Brandes zu konzentrieren. Die Maenner scheinen zu spueren, dass von ihrer Arbeit das Schicksal Hunderttausender Menschen abhaengt. Im Laufschritt schliessen sie die Loeschroehre an und fahren die Leitern aus. Da das Feuer im nichtnuklearen Maschinenraum schlimmer wuetet, konzentrieren sich Prawiks Maenner auf diesen Teil, waehrend die staedtische Feuerwehr die kleineren Braende am offenen Reaktor loescht. Alles, was sich ueber dem Reaktor befunden hatte, ist hochgeschleudert und ringsum verteilt worden. Viktor Smagin, Schichtleiter von Block 4, sagt: Nun sehen Sie... hier liegt ueberall schwarzer Graphit.140 Waehrenddessen werden weitere Feuerwehrleute alarmiert. Leonid Teljatnikow, der die Einheit Nr. 2 an der Atomstation leitet, wird informiert, eilt aus seinem Kurzurlaub herbei und uebernimmt um 1.40 Uhr die Leitung der Loescharbeiten. Er beschliesst, vordringlich Braende an einzelnen Stellen auf dem Dach des Reaktorgebaeudes 3 zu loeschen, die durch niedergefallene, heisse Teile des Reaktors 4 entstanden waren. Ihm ist klar, dass das Feuer im Reaktor selbst nicht zu loeschen sein wird. Er entscheidet daher, die Anstrengungen auf den Schutz der uebrigen Reaktoren zu konzentrieren – eine Anweisung, die eine weitaus groessere Katastrophe verhindert.141 Empoerend ist, dass der Reaktor 3 unter dem brennenden Dach noch voll in Betrieb bleibt und erst viele Stunden spaeter abgestellt wird.142

Die Loescharbeiten in den oberen Raeumen von Block 4 und auf den Daechern von Blocks 3 sowie des Zwischengebaeudes wurden vor allem vom Trupp von Leutnant Kibjonok und von Leutnant Prawik, dessen Maenner noch mit dem Loeschen des Brandes im Turbinenhaus beschaeftigt sind, durchgefuehrt.143 Die beiden jungen Offiziere und auch vier Feuerwehrleute aus Kibjonoks Zug bezahlen ihren mutigen Einsatz mit dem Leben. Sechs schwarzumrandete Portraits erinnern an Leutnant Wladimir Pawlowitsch Prawik, Leutnant Viktor Michailowitsch Kibjonok, Sergeant Nikolaj Wassiljewitsch Wastschuk, Obersergeant Wassilij Iwanowitsch Ignatenko, Obersergeant Nikolaj Iwanowitsch Titjonok und Sergeant Wladimir Iwanowitsch Tistschura.144 Alle sechs Opfer sind zum Zeitpunkt ihres Todes um die 20 Jahre alt. Prawiks Frau, eine Musiklehrerin, hat einen Monat vor der Reaktorkatastrophe ein Kind bekommen.145 Die spaetere Bilanz von Analolij Mikejew, Chef des Brandwesens im Moskauer Innenministerium lautete: Die ersten 28 Feuerwehrleute – fast alle sind spaeter gestorben146 - haben 30 Braende zu bekaempfen, fuenf davon auf verschiedenen Fluren; einige davon drohen das gesamte Kontrollsystem der Anlage zu zerstoeren. Fast alle der am ersten Einsatz Beteiligten sterben in den darauffolgenden Jahren. Zum Zeitpunkt der Katastrophe befinden sich 444 Personen in der Gesamtanlage. Die Brandbekaempfung dauert fuenf Stunden; dabei sind insgesamt 240 Feuerwehrmaenner mit 81 Loeschaggregaten im Einsatz.147 Erwaehnt werden muss der – heldenhaft zu nennende – Einsatz des Arztes Walentin Bjelokon,148 der in fast uebermenschlichem Einsatz unter Missachtung seiner eigenen Gesundheit die Verstrahlten und Verletzten versorgt. Nach dem Protokoll der Feuerwehr konnte der Brand um 4.50 Uhr im wesentlichen lokalisiert und bis 6.35 Uhr vollstaendig geloescht werden.149

Undurchsichtig bleibt das Verhalten der Kraftwerksleitung waehrend dieser Zeit, insbesondere des Kraftwerksdirektors W. Brjuchanow. Nachdem er gegen 2 Uhr im Kraftwerk eingetroffen ist, gibt er zusammen mit dem Parteisekretaer der Stadt Pripjat falsche Meldungen ueber die Strahlensituation nach der Havarie an die uebergeordneten verantwortlichen Stellen weiter. Er und der leitende Ingeneur des Kraftwerkes, N. Fomin, sind dafuer verantwortlich, dass unmittelbar nach der Havarie geeignete Dosimeter zur Messung der Dosisleistung nicht zur Verfuegung stehen. Dem Leiter des Stabes der Zivilverteidigung des Kraftwerkes, S. Worobjow, der um 2.15 Uhr im Kraftwerk eintrifft und mit seinem Privatauto – ausgeruestet mit einem Dosimeter mit geeignetem Messbereich – sofort beginnt, die Dosisleistungswerte um den havarierten Kraftwerksblock herum zu messen, glauben weder der Direktor noch der neben ihm sitzende Parteisekretaer, dass diese Werte fuer die dort Arbeitenden lebensgefaehrlich hoch sind. Brjuchanow vertraut lieber dem dosimetrischen Dienst des Kraftwerks, der ueber derart hohe Werte deshalb nicht berichtet, weil die vorhandenen Dosimeter in einem niedrigeren Skalenbereich bis zum Ende ausschlagen und dieser Ausschlag in Ermangelung geeigneter Messgeraete als tatsaechlichen Wert angegeben wird !150 Sie wollen das wirkliche Ausmass der Katastrophe nicht wahrnehmen – ob aus Angst oder Feigheit ist letztlich unerheblich.151 Wesentlich wichtiger ist der Umstand, dass aus den genannten Gruenden die uebergeordneten Stellen falsche Auskuenfte erhalten. Bei einer Sitzung verantwortlicher Leiter, die ab 10 Uhr am Samstagmorgen in Pripjat stattfindet und an der Brjuchanow teilnimmt, beruhigt dieser die Teilnehmer: es sei nichts Gefaehrliches passiert, das Leben in der Stadt muesse seinen normalen Gang weitergehen.152

Die sowjetische Fuehrung wird am 26. April 1986 um 3 Uhr morgens informiert.153 Am Samstagmorgen werden die Strassen von Pripjat mit Seifenloesung abgespritzt. Vor den oeffentlichen Gebaeuden sind Milizionaere stationiert. Aber die Menschen gehen mit ihren kleinen Kindern spazieren, es ist ein warmer Tag. Die Evakuierung findet erst am naechsten Tag, dem Sonntag, um 14 Uhr statt, nachdem die aus Moskau nach Pripjat entsandte Untersuchungskommission, die am Samstag um 9 Uhr aus Moskau gestartet ist, um 10.45 Uhr in Kiew gelandet und gegen 16 Uhr am Samstagnachmittag in Pripjat eingetroffen ist,154 dies in der Nacht zum Sonntag entschieden hat.155 Waehrend 48 000 Bewohner ueberstuerzt in Bussen evakuiert werden, fliegen – ungeschuetzt von der gefaehrlichen Strahlung - Hubschrauberpiloten Sack um Sack zum brennenden Schlund. Die Mischung aus Sand, Bor und Blei soll die weisslodernden Graphitflammen im Atomkrater ersticken, die noch laufende Kettenreaktion auf ein ungefaehrliches Mass reduzieren und die Strahlung abschirmen. Am Abend meldet Hubschrauberppilot Nikolai Wolkosub dem Vorsitzenden der eingesetzten Regierungskommission, dem stellvertretenden Ministerpraesidenten Boris Schtscherbina, es seinen 80 Sack abgeworfen worden. Schtscherbina ist entsetzt. Das sind Tropfen ins Meer, sagt er, das ist viel zu wenig, wir muessen Tonnen abwerfen!156 In der folgenden Nacht beraten Piloten und technisches Personal, wie der Einsatz effektiver gemacht werden koennte. Sie beschliessen, die Saecke im stabilen Bremsfallschirm der Jagdflieger an der vorhandenen Lastentrag-Konstruktion zu transportieren. Damit werden in rascher Folge bis zum 7. Mai ueber 5000 Tonnen abgeworfen.157 Eingesetzt wird ein Gemisch aus Bor zum Stoppen der Kettenreaktion, Blei zur Strahlenabschirmung, Sand und Lehm zur Abdeckung sowie Dolomit.158 Erst am 5. Mai gelingt es, den Reaktorkern abzukuehlen. In Tschernobyl brennt der Reaktor 10 Tage. Nachdem der Brand nach drei Tagen fast geloescht scheint, wird der Reaktor wieder heisser und brennt immer heftiger. Trotz Einsatz schwerster Technik konnte der Brand nicht schneller geloescht werden.159

Insbesondere empoerend ist, dass trotz Glasnost die Bevoelkerung und das Ausland unzureichend informiert werden und in Kiew – unbeeindruckt von den Geschehnissen im nahen Tschernobyl - der 1. Maifeiertag auf Anordnung der Fuehrung wie in jedem Jahr ohne jede Einschraenkung begangen wird. Alla Jaroshinskaja, die diese Vernebelungstaktik der Machthaber am eingehendsten untersucht hat, dokumentierte den verharmlosenden,
ja realitaetsfernen Satz der Machthaber: Nichts bedroht die Gesundheit unserer Kinder.160 Die von ihr im April 1992 heimlich kopierten Unterlagen aus dem Kreml161 beweisen, dass die Machthaber selber erstklassig informiert wurden. Das gefaehrlichste Element, schrieb Jaroshinskaja damals in der Berliner "Tageszeitung", das der Reaktor in Tschernobyl ausgekotzt hat, fehlt in der Periodentafel der Elemente: Sein Name ist Luege-86.162 Zwei Tage wird das Ausland nicht informiert, bis Schweden – durch Messungen alarmiert – in Moskau nachhakt. Erst am Mittwoch informiert die sowjetische Regierung auch die Internationale Atomenergiebehoerde von dem Unfall.163 Erst am 2. Mai reisen der damalige Zweite ZK-Sekretaer Ligatschow und Ministerpraesident Ryshkow nach Tschernobyl, und nochmals weitere zwei Wochen wartet Gorbatschow ab, bis er sich an die oeffentlichkeit wendet.164 Zu jener Zeit war – milde gesprochen – von Glasnost nichts zu spueren. Festzuhalten bleibt: Die sowjetische Fuehrung hat sich an der Bevoelkerung versuendigt: es wurde zu spaet evakuiert und informiert. Bis heute wurde keiner der damaligen Politbueromitglieder und ZK-Sekretaere der sowjetischen und ukrainischen Fuehrung fuer diese Taten verurteilt Zum Abschluss dieses Kapitels moechte ich Koepp zitieren: Bei dem Teil der Bevoelkerung der Ukraine, Weissrusslands und Russlands, der in den Gebieten wohnte, durch die radioaktive Wolken zogen, entstand infolge des Verhaltens der Kraftwerksleitung grosser Schaden. Nichts Boeses ahnend, freuten sich ueberall die Kinder, dass sie sich nach dem Ende der Schulwoche im Freien erholen konnten. Auch die Erwachsenen verbrachten den schoenen Fruehlingstag und den folgenden Sonntag vielfach an der frischen Luft. Eine Warnung am Sonnabendmittag oder wenigstens am Sonntagmorgen haette die Strahlenbelastung von mehreren Millionen Menschen erheblich verringert.
Ausserdem waere bei vorbeugender Behandlung mit Jodtabletten, wie sie in Pripjat am Sonnabend ausgeteilt wurden, die Schilddruesenbelastung nicht so hoch gewesen, und heute haetten vielleicht in Weissrussland, der Ukraine und Russland mehrere hundert Kinder weniger Schilddruesenkrebs. Diese Politik der Nichtinformation der Bevoelkerung wurde leider durch die Regierungskommission auch nach genuegend genauer Kenntnis der Lage fortgesetzt, wodurch sich der gesundheitliche Schaden fuer die Menschen weiter vergroesserte. Hierfuer haette nicht nur Brjuchanow (wie geschehen) vor Gericht gestellt und verurteilt werden muessen.165 Ich habe dem nichts hinzuzufuegen.

 

Full publication text: http://www.benoroe.de/tschernobyl/tsch_04.htm
Author Valentina

Tour to Pripyat/Chernobyl Zone

 

 

 


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